Artikelrecycling: Wahlmüdigkeit

Angesichts der niedrigen Wahlbeteiligung bei den Bürgermeisterwahlen in Sigmaringen (40,9% bei 7 Kandidaten) und Fronreute (32,7% und annähernd 10% ungültige Stimmen, bzw. Stimmen für Kandidaten, die gar nicht auf dem Stimmzettel standen) und weil es ja nichts wirklich neues mehr gibt, mache ich ein wenig Artikelrecycling aus dem Jahr 2006:

Auf heise.de findet sich der Hinweis auf eine interessante britische Studie, die schon im Vorwort recht markige Töne anschlägt

It is a report about giving people real influence over the bread and butter issues which affect their lives.

The disengagement from politics described in these pages cannot be dismissed as the preoccupation of the chattering classes. Its substance has come from the voices of thousands of people around the country who feel quietly angry or depressed.

Meine Übersetzung klingt viel holpriger. Wenn sie jemand haben will, schreibe ich sie trotzdem drunter 🙂

Es werden verschiedene Gründe für die Entfremdung von Wählern zu Gewählten ausgemacht, unter anderem:

  • Entscheidungen werden von einem immer kleiner werdenden Zirkel getroffen.
    Das trifft auch auf die Bundesrepublik zu. Wenn man sich beispielsweise mal das ganze hin und her um Hartz-IV anschaut, dann war da keinswegs eine überwältigende Mehrheit der SPD-Abgeordneten für die Umsetzung. Die Fraktion wurde mit guten Worten und kaum kaschierten Drohungen zur Zustimmung gedrängt. [Update 2010] Die Wahl des Bundespräsidenten wäre dann auch so ein Thema [/Update 2010]
  • Entscheidungen werden nicht mehr im Parlament getroffen.
    Das trifft ebenfalls auf die Bundesrepublik zu. Man muss sich hierzu nur das jämmerliche Schauspiel der Parlamentarier beim europäischen Haftbefehl anschauen, bei dem sich Herr Kauder „normativ unfrei“ gefühlt hat oder bei der Umsetzung des Vorratsdatenspeicherungsbeschlusses, bei dem Herr Tauss den Vorschlag zwar inakzeptabel fand, aber dann trotzdem zustimmte, weil EU-Richtlinien halt umgesetzt werden müssen. Man sieht es aber auch beispielsweise daran, dass die Länderparlamente zwar über die Höhe der Rundfunkgebühren abstimmen müssen, aber durch sehr enge Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts ebenfalls zu einem Ja genötigt werden sollen.
  • Der Einfluss durch eine Stimmabgabe ist zu gering.
    Dieses Problem haben wir in Deutschland ebenfalls. Man darf alle 4 Jahre ein Kreuzchen machen und übergibt damit die Gewalt, die laut Grundgesetz vom Volke ausgeht, an einen Politiker. Der entscheidet dann für den Souverän, ob man am Jugoslawien-Krieg teilnimmt, wie die Wiedervereinigung abläuft, oder ob und zu welchen Bedingungen man den Euro und eine europäische Verfassung einführt. All diese Punkte fanden sich vor den entsprechenden Wahlen nicht in den Parteiprogrammen, ich konnte also gar nicht entscheiden, wie ich eines der genannten Themen behandelt wissen will. [Update 2010] Selbst wenn diese Themen in den jeweiligen Wahlprogrammen stehen, kann ich für den Fall einer Koalitionsregierung nicht wissen, ob nicht gerade der Hauptgrund für mein Kreuz an einer bestimmten Stelle als Verhandlungsmasse untergeht. [/Update 2010]

Eine interessante Zustandsbeschreibung, die aber vermutlich ungehört verhallen wird, denn sie stört beim Regieren. Eine Landesliste, die dynamisch durch die Wahl der Bürger entsteht und nicht auf Nominierungsparteitagen, beraubt die Parteiführung verschiedener Sanktionierungsmethoden, eine europäische Verfassung, die dem Bürger vorgelegt wird, verlangt etwas mehr Aufklärung als ein Basta in der entsprechenden Fraktionssitzung.

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