Mal wieder was zur Bildungspolitik

Als ich heute morgen zum Bäcker lief, kam mir eine Sau mit der Aufschrift „Baden-Württemberg ist Spitze im Aussortieren“ entgegen. Während ich mich noch verwundert nach ihr umblickte, wurde ich von einer Horde Jusos überrannt, die anscheinend Gefallen daran gefunden hatten, sie durchs Dorf zu treiben.

Sie hatten T-Shirts an, auf denen stand:

Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und schulischem Erfolg ist für uns Jusos und SozialdemokratInnen alarmierend. Wir fordern deshalb die Abschaffung des 3-gliedrigen Schulsystems, längeres gemeinsames Lernen und individuelle Förderung von Kinder egal welcher Herkunft.

Während ich das mit der individuellen Förderung von Kindern voll unterschreiben kann, bin ich bei den anderen Forderungen ein bisschen vorsichtiger. Und zwar, weil ich die KESS 4-Studie gelesen habe. Eine der unzähligen Studien zur Bildungslandschaft Deutschland, aus der wieder jeder nur das herausliest, was im persönlich in den Kram passt, während er alle anderen Dinge ignoriert oder durch kreative Auslegung in ihr Gegenteil zu verkehren sucht. Wenn das jeder macht, dann darf ich das auch. Die Studie ist verlinkt, jeder darf sich dran probieren 🙂

Zur Studie selbst:

Mit der Untersuchung KESS 4 (‚Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern – Jahrgangsstufe 4‘) werden an der Gelenkstelle zwischen Primar- und Sekundarschulwesen Aspekte erreichter Lernstände Hamburger Schülerinnen und Schüler am Ende der vierten Klassenstufe sachlich bilanziert.

Während man sich normalerweise auf die Durchschnittswerte konzentriert, möchte ich den Blick an den unteren und oberen Rand richten.

Zum Beispiel in der Lesekompetenz.

Wenn man sich nun anschaut, wieviele Schüler nicht in die Kompetenzstufe II vorstossen können, entdeckt man folgendes:

Land

Anteil in Kompetenzstufe I

Baden-Württemberg
7,2 %
Brandenburg
14,2 %
Bremen
21,0 %

In Brandenburg liegt der Anteil der Schüler in Kompetenzstufe I doppelt so hoch wie in Baden-Württemberg. Ich lasse jetzt Bremen mit einem dreimal so hohen Anteil an Schülern der Kompetenzstufe I aussen vor, weil es dann gleich wieder heissen würde: Grossstadt, viele Schüler mit Migrationshintergrund …

Das ist zwar alles irgendwie kein Grund, warum es die SPD, die seit 1946 durchgängig den ersten Bürgermeister stellt nicht schafft, daran was zu ändern, aber lassen wir das. Konzentrieren wir uns auf Brandenburg und Baden-Württemberg.

Die Kosten pro Grundschüler liegen in Baden-Württemberg ähnlich wie in Brandenburg bei 4000 EUR pro Jahr. Das kann es irgendwie nicht sein. Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund liegt in Baden-Württemberg fast doppelt so hoch wie in Brandenburg. Das fällt als einfache Erklärung auch weg. Dass es in Brandenburg eine 6-jährige Grundschule gibt, in Baden-Württemberg nur eine 4-jährige kann ebenfalls nicht ins Gewicht fallen, so weit waren die getesten Schüler noch gar nicht. Die Klassengrösse, auch oft angeführt unterscheidet sich ebenfalls nicht besonders. In Baden-Württemberg liegt sich bei durchschnittlich 23,1 Schülern in Brandenburg bei 21,6.

Lassen wir die Gründe für den hohen Anteil schwacher Schüler mal aussen vor und schauen aufs andere Ende der Skala.

Land

Anteil in Kompetenzstufe IV

Baden-Württemberg
21,2 %
Brandenburg
13,9 %
Bremen
9,4 %

Wo es viele schwache Schüler gibt, scheint es wenig sehr gute Schüler zu geben. In der Mittelschicht (Kompetenzstufe II und III) befinden sich in allen drei Bundesländern ca. 70% der Schüler, die Ränder sind allerdings viel ungleicher verteilt.

Es geht hier wohlgemerkt um die Schüler der 4. Klasse. Da wurde noch nichts aussortiert, ausgesiebt, getrennt oder sonst etwas.

Wäre ich jetzt ein einfach strukturierter Mensch (es gibt viele, die behaupten ich sei einer), könnte ich auf die Idee kommen, dass die Schüler in SPD-regierten Bundesländern weniger lernen und die Schwachen die sehr Guten in ihrem Fortkommen beeinträchtigen. Aber ich weiß natürlich, dass es viele Gründe für diese Unterschiede gibt und dass es nicht immer die einfachen Antworten sind, die stimmen.

Allerdings scheinen mir die Antworten, die ich von der SPD höre auch nicht stimmiger zu sein als die anderen. Denn dann müsste sich doch langsam ein Erfolg zeigen. Gerade bei Grundschülern, die noch am Anfang ihrer Bildungskarriere stehen, sollte man doch relativ schnell Besserungen erkennen können.

 

np: supertramp – school

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