Durchschnittslöhne, Durchschnittspresse

Hat eigentlich irgendjemand den Redakteuren das eigenständige Denken verboten, oder sitzen da nur noch Klickaffen, die dpa-Meldungen und andere Zeitungen zitieren?

Die Schwäbische „Zeitung“ schreibt heute in einem Bericht:

Im Vorjahr sind die Abzüge durch Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge so stark gestiegen wie seit 17 Jahren nicht mehr. Das berichtet die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf neue Zahlen des Bundesarbeitsministeriums.

Dann werden noch Zahlen in den Raum geschmissen, die alle stimmen, allerdings fehlt die redaktionelle Aufbereitung. Das müssen vermutlich die „Klowände des Internets“ übernehmen.

Fangen wir mal vorne mit Fakten an:

  • Die Steuersätze haben sich von 2010 auf 2011 nicht verändert.
  • DerAltersvorsorgebetrag, der steuerfrei ist, hat sich von 2010 auf 2011 um 2% erhöht.
  • Der Arbeitnehmer-Anteil an der gesetzlichen Krankenversicherung ist von 2010 auf 2011 um 0,3% gestiegen.
  • Der Arbeitnehmer-Anteil an der gesetzlichen Pflegeversicherung ist von 2010 auf 2011 unverändert geblieben.
  • Die Beitragsbemessungsgrenze, bis zu der Abgaben an die GKV und GPV bezahlt werden müssen, ist von 2010 auf 2011 um 1% gesunken.
  • Die Zusatzbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung haben sich in den Jahren 2010 und 2011 nicht sonderlich unterschieden.
  • Der Arbeitnehmer-Anteil an der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung ist von 2010 auf 2011 um 0,1% gestiegen.
  • Der Arbeitnehmer-Anteil an der gesetzlichen Rentenversicherung ist von 2010 auf 2011 unverändert geblieben.
  • Die Beitragsbemessungsgrenze, bis zu der Abgaben an die ALV und GRV bezahlt werden müssen, ist von 2010 auf 2011 nicht gestiegen.
  • Die Gesamtsozialbeiträge sind für Arbeitnehmer unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze vom Jahr 2010 auf 2011 von 19,9045% auf 20,198% gestiegen.

Wieso ist dann die durchschnittliche Abgabenlast um 553 € gestiegen, obwohl der durchschnittliche Netto-Realverdienst sogar geschrumpft ist?

Aus (mindestens) 6 Gründen:

  1. Wir haben eine Steuerprogression
  2. Es findet keine Angleichung der Steuertarife mit der Inflation statt. Die letzte Partei die das versucht hat, war die FDP. Dafür hat sie dann von den restlichen Parteien und der Qualitätspresse auch ordentlich eins auf den Deckel bekommen. Weil das ja nicht geht, Steuersenkungen. Dass es sich gar nicht um eine echte Senkung, sondern nur um eine Inflationsangleichung gehandelt hätte, ging im Blätterwald verloren. Vermutlich weil wirklich nur noch Klickaffen die Meldungen verarbeiten und wenn dann einer irgendwas schreibt, dann wird das übernommen. Für eigene Recherche ist keine Zeit da.
  3. Die Zahl der Erwerbstätigen ist im Erhebungszeitraum um 1,5 Millionen Menschen gestiegen. Die Zahl der versicherungspflichtig Tätigen hat sich um über 700’000 erhöht. Das ändert ziemlich viel.
  4. Menschen heiraten und lassen sich scheiden, oder ein Ehepartner stirbt. Ehepaare werden anders besteuert als Alleinstehende.
  5. Die Zahl der Menschen mit Kinderfreibetrag hat sich reduziert. Wenn man der Einfachheit halber davon ausgeht, dass der Jahrgang 1990 komplett rausgeflogen ist (976’000) und der Jahrgang 2010 dazukam (660’000 Kinder) dann verschiebt das ebenfalls einiges.
  6. Wenn man einmal nominal und einmal real vergleicht, bringt das gar nichts.

Durchschnitte zu berechnen bringt aus diesen Gründen gar nichts. Mediane wären interessant, aber die kann ich nirgends lesen.

Zwei kleine praktische Beispiel:

Die Metaller1  haben im Jahr 2011 eine Gehaltserhöhung von 2,7% bekommen. Im Jahr 2010/11 sah der Gehaltszettel eines Mitarbeiters in LstKl. 1 so aus:

Jahr 2010 2011
Jahresbruttolohn 30’372 € 31’200 €
Lohnsteuer 4’494 € 4’627 €
Sozialabgaben 6’218 € 6’513 €
Nettolohn 19’659 € 20’060 €

Bei einer Inflationsrate von 2,3% ergibt sich eine reale Nettolohnkürzung von 19’659 € auf  19’608 €. (0,25%)

Beim Kollegen in der Konstruktion sah das Ganze so aus:

Jahr 2010 2011
Jahresbruttolohn 42’072 € 43’212 €
Lohnsteuer 7’918 € 8’141 €
Sozialabgaben 8’614 € 9’021 €
Nettolohn 25’540 € 26’050 €

Bei einer Inflationsrate von 2,3% ergibt sich eine reale Nettolohnkürzung von 25’540 € auf  25’464 €. (0,30%)

Zusammenfassend: Menschen, die 2011″nur“ eine Gehaltserhöhung von bis zu 3% bekommen haben, haben eine reale Nettolohnkürzung hinnehmen müssen. Die nominellen Beiträge für die Sozialversicherungen und die Steuern sind gestiegen. Da wir eine inflationsunabhängige Steuerprogression haben, sind auch die realen Steuerzahlungen durch diese Personen gestiegen.

So, und jetzt überlegen wir uns noch mal ganz kurz, was die FDP vorgeschlagen hatte.

  1. genaugenommen die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie []

Ein Gedanke zu „Durchschnittslöhne, Durchschnittspresse“

  1. Was die FDP früher vorgeschlagen hatte, hatte noch ein wenig liberale Hände und Füsse. Ob das wiederkommt wag ich mal zu bezweifeln. Vor lauter „mitfühlen“ hat man wohl den Markt vergessen….

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