I. Akt, 1. Szene

Ich muss ein wenig ausholen um beschreiben zu können, wie es mir heute in einem Workshop ging, der auf englisch abgehalten wurde.
Wenn man mich meiner Ausdrucksfähigkeit und der Möglichkeit zu Wortspielen beraubt, nimmt man mir sehr viel.
Mag sein, dass die Kollegen das als angenehm empfunden haben, weil mein aktiver Wortschatz nicht sehr viel zulässt, ich persönlich kam mir auf jeden Fall ziemlich nackt vor.

Beim Ausholen lande ich in der Zeit, in der die Ansicht von Jungs über Mädchen wechselt von „die sind alle doof“ hin zu „die sind vielleicht nicht alle doof, aber die da ist es bestimmt“.

Es ging mir in meiner Jugend ein wenig wie Deutschland, ziemlich wenig natürliche Ressourcen. Und wie alle rohstoffarmen Länder kam nach dem Neid die Frage, wie ich denn mit dem Wenigen das ich habe, irgendein Alleinstellungsmerkmal aufbauen kann. Zu der Zeit habe ich mir die Frage natürlich nicht so gestellt, aber in der Nachbetrachtung kommt das damalige „wie krieg ich Mädels rum“ dem doch recht nahe. Welche unique selling position (man merkt, der Workshop wirkt nach) habe ich, die mich deutlich von den anderen abhebt.
Aussehen und sportliche Aktivität schieden von vorneherein aus, weil das eine nicht änderbar war und das andere eigentlich auch nicht. Und auch wenn ich jetzt vielen Unrecht tue, waren Charakter und Empathie auch nichts, was Mädels in dem Alter vom Hocker direkt in meine Arme gerissen hätte. Nicht, dass ich der Meinung bin, damals von mindestens einem der beiden besonders viel gehabt zu haben, aber man muss sich ja mit nachgefragten Eigenschaften am Markt präsentieren und da bringt es nichts, Kompetenzen in irrelevanten Bereichen aufzubauen.

Gerade stelle ich fest, dass ich noch weiter ausholen muss.
Ich bin ein Arbeiterkind. Bei meinen Eltern stand Konsalik und Simmel in einem sehr übersichtlichen Schrank, den Bibliothek zu nennen ich nicht wage. Gemeinsame Theater- oder Konzertbesuche waren ebenso außer Reichweite wie das Erlernen eines klassischen Instruments oder der Gang durch ein Kunstmuseum. Aber meine Eltern hatten neben ihrer unbedingten Liebe zu uns Kindern den Wert von Bildung erkannt und es geschafft, in uns den Hunger nach Wissen zu wecken.
Deshalb – und weil ich intelligent bin – kam ich aufs Gymnasium und damit in Kontakt zu Bildungsbürgertumkindern, bei denen es zu Hause in Bezug auf Bücher nicht um ein Regalbrett sondern um komplette Wände ging. Da stand auch nicht „und Jimmy ging zum Regenbogen“ sondern Heines Buch der Lieder oder Ciceros Gesamtwerk auf Latein. Man nahm Klavierunterricht, sang im Chor und engagierte sich sozial. Hier bekam ich Antworten zu meinen Fragen, entdeckte den Spaß an Diskussionen und bekam einen wunderbaren ersten Blick auf die Welt der Rhetorik. Und damit kann ich dann zurück zu dem Lebensabschnitt mit den Mädchen.

Nein, ins Koma labern war nie eine Alternative, die ich in Betracht gezogen habe, falls die Frage aufgekommen sein sollte.

Aber beim Diskutieren geht es ja auch darum, die Position des Gegenübers zu verstehen, mit den eigenen Positionen abzugleichen um dann zu versuchen, seinem Gesprächspartner die eigene Sicht der Dinge überzeugend darzulegen. Das war etwas, das ich konnte, zu dem ich eine Affinität hatte und auch ein wenig Talent. Darauf konnte ich aufbauen.

Und ja, auch angesichts des gerade geschriebenen Absatzes würde ich obenstehende Frage noch mit Nein beantworten wollen.

Ich war erfolgreich. Wer mich kennt und jetzt vergeblich versucht, sich an meine zahlreichen Freundinnen zu erinnern, kann beruhigt aufatmen. Diesbezüglich zumindest täuscht das Gedächtnis nicht. Die Zahl meiner Freundinnen lässt sich am Victory-Zeichen einer Hand abzählen. Der Erfolg kam, aber wie schon das Sprichwort „hüte Dich vor Deinen Wünschen, denn sie könnten Dir erfüllt werden“ anklingen lässt, nicht so, wie gedacht. Mit den Mädchen-Tränen über miese Ex-Freunde, die an meiner Schulter geheult wurden, könnte ich ganze Schwimmbäder füllen. Dummerweise war dann, wenn die Tränen versiegt waren der nächste gutaussehende „Idiot“ viel interessanter als ich. Es war lehrreich, es war interessant aber in Bezug auf die damalige Ausgangsfragestellung nicht unbedingt zielführend.

Um jetzt darauf zurückzukommen, wie es mir Heute ging:

Es ging mir wie früher. Das Arbeiterkind, das sieht, wie alle um es herum die Punkte machen, die man selbst gern gemacht hätte.

– Vorhang –

3 Gedanken zu „I. Akt, 1. Szene“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.