I. Akt, 4. Szene

Vor 5 Jahren wollte ich mal ein Buch schreiben. „Allein unter Frauen“ wäre der Titel gewesen und inhaltlich hätte es sich um french nails, Asti aus Plastikbechern, Scheidenpilze und warum ich nichts darüber wissen will, gedreht. Warum ich das Ganze damals gelassen habe, weiß ich heute auch nicht mehr, aber wenn man sich die ICD-Kriterien für posttraumatische Belastungsstörungen anschaut, dann ist eine teilweise oder vollständige Unfähigkeit, sich an einige wichtige Aspekte des belastenden Erlebnisses zu erinnern, Teil der Symptomatik.

Nachdem ich mittlerweile wieder ohne Flashbacks an den Schaumweinregalen im Supermarkt vorbeigehen kann und ich sogar freiwillig an frauendominierten Fitnesskursen teilnehme, scheint der Heilungsprozess auf einem guten Weg zu sein und ich kann das Schreiben einer kleinen Szene versuchsweise in Angriff nehmen.

Um diejenigen abzuholen, die jetzt ratlos vor dem Text sitzen, weil sie die Kombination Nagelpflege, Alkohol und Frauenkrankheiten keiner sinnvollen Tätigkeit zuordnen können: Ich kann das auch nicht, allerdings habe ich meinen damals 5-jährigen Sohn drei Wochen zu einer Kur an die Ostsee begleitet und bin in die wundersame Welt dessen abgestiegen, was manche Frauen unter sinnvoller Freizeitbeschäftigung verstehen. Nicht dass ich der Meinung bin, dass das, was Männer unter sinnvoller Freizeitbeschäftigung verstehen, sei auch nur einen Deut besser, aber es wäre zumindest für mich kein so unbekanntes Fahrwasser gewesen und ich habe auch noch nie gehört, dass sich Männer unter 60 am Stammtisch über ihren letzten Besuch beim Urologen und dessen kalte Finger unterhalten haben. Genaugenommen habe ich noch nie gehört, dass sich ein Mann über die kalten Finger seines Urologen beklagt hat. Ich bin ja jetzt in einem Alter, wo die Krankenkasse Vorsorgeuntersuchungen bezahlt, kann also bald selbst herausfinden, ob das daran liegt, dass Urologen angenehm temperierte Finger haben – um das Adjektiv warm zu vermeiden – oder ob das ganze so traumatisch ist, dass man es vergisst oder zumindest vergessen möchte. Ich schweife ab, zurück zur Kur.

Es fing schon bei der Anmeldung an und im Nachhinein wäre das vermutlich die letzte Möglichkeit gewesen, mein Schicksal abzuwenden. Auf den Satz „Es kommt gleich jemand und zeigt ihrer Frau und ihrem Sohn das Zimmer“ hätte ich antworten sollen, dass ich mich im Haus geirrt habe oder im Leben, hätte meinen Sohn ins Auto packen sollen und heimfahren. Aber so wie das erste Opfer des Serienmörders im Film auch nicht das Haus verlässt, obwohl das ganze Kino kollektiv aufstöhnt und denkt „Ja du Idiot, geh!“, bin auch ich geblieben und habe versucht, das in meinen Augen kleine Missverständnis aufzuklären.

Ich kann natürlich nicht wirklich nachvollziehen, wie sich die ersten amerikanischen Ureinwohner am Hofe Ferdinands des Zweiten gefühlt haben, aber die Randbedingungen waren ähnlich. Fremdes Umfeld, fremde Sprache – bei mir hauptsächlich sächsisch – und die Blicke aller auf mich gerichtet, die Gesichter irgendwo zwischen Unglauben und Erstaunen gefangen. Die ersten Gespräche liefen alle nach dem gleichen Schema ab und begannen mit der Frage nach der Mutter des Kindes. Nachdem klar war, dass weder die tragische Variante – ich bin verwitwet – noch die verständliche – die Mutter hat uns sitzenlassen – zum Tragen kam, sondern die Mutter des Kindes zu Hause beim Arbeiten war, landete ich schnell in der Weichei-Schublade. Prinzipiell hatte ich damit kein Problem, die kannte ich wenigstens und so begann der kurze Prozeß der Assimilation, in dem ich mein Geschlecht verlor und irgendwie Teil der Gruppe wurde.

Dabei war sehr hilfreich, dass ich als einer der wenigen nicht von meinem Mann zur Kur gebracht worden war und deshalb über ein Auto verfügte, um den bisherigen täglichen Gang in den örtlichen Supermarkt zur Auffüllung des Asti-Vorrats durch eine tägliche Fahrt in jenen Supermarkt behufs des gleichen Zwecks zu ersetzen. Ich habe hier ja auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen, deshalb: Der Infinitiv von erkoren ist erkiesen und behufs ist ein erstarrter Genitiv und an dieser Stelle ein Pleonasmus. Braucht man alles nicht zu wissen im richtigen Leben, aber worauf schon Adorno richtigerweise hinwies, gibt es kein richtiges Leben im falschen.

Wenn ich jetzt schon anfange Adorno zu zitieren, scheine ich doch noch eine gewisse Scheu davor zu haben, die damaligen Ereignisse niederzuschreiben.

Da ich davon ausgehe, dass sich nur wenige für french-nail-Techniken interessieren und die letzten ihr Interesse verlieren werden, wenn ich bemerke, dass die direkte Übersetzung „französisch nageln“ dem eigentlichen Inhalt der Tätigkeit nicht mal im geringsten nahekommt, sehe ich an dieser Stelle davon ab, es weiter zu erklären. Mir bleibt nur darauf hinzuweisen, dass ich nach einer Woche weiße Nagelspitzen hatte, was wiederum dann keinen mehr interessieren dürfte, wenn klar ist, dass es sich dabei weder um eine Geschlechtskrankheit noch irgendein obskures Sexspielzeug handelt.

Was mir gerade einfällt und was ich schon immer mal fragen wollte: Hängen auf Damentoiletten eigentlich auch Kondomautomaten in denen sich neben den Verhütungsmitteln auch Dinge befinden, die genau anzuschauen ich mich nie getraut habe? Über eine Antwort in den Kommentaren, hier oder bei facebook, würde ich mich freuen.

Was bleibt mir noch von diesen drei Wochen? Ich weiß jetzt, dass Asti – obwohl er so riecht – keine Plastikbecher auflösen kann.

Und damit schliesst der Vorhang den ersten Akt

– Vorhang –

2 Gedanken zu „I. Akt, 4. Szene“

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