IV. Akt, Zwischenspiel

„Ja, das Leben kann manchmal schon ein ziemlich mieses Arschloch sein.“

Diesen Satz habe ich vor 22 Jahren zum ersten Mal gehört, als ich nach unserer Abi-Feier und im sicheren Wissen, dass der einzige nüchterne Mensch auf dem Schulgelände der Vertrauenslehrer war, dem Mädchen, dass ich gefühlt meine halbe Schulzeit angehimmelt hatte, volltrunken meine Liebe gestand. Was man eben mit 19 so unter Liebe versteht. Das war allerdings nicht meine einzige Fehleinschätzung, denn wie sich herausstellte, war sie die zweite nüchterne Person. Dafür, dass sie so entspannt reagiert hat, stieg sie in meiner Achtung die letzten Stufen zum Olymp hoch und ich war mir sicher, diese Frau für immer zu lieben. 19 halt.

Wie komme ich jetzt darauf? Ich hatte eine kleine Kreativ-Blockade und anders als andere empfinde ich Ohr abschneiden und mich dann selbst malen nicht als passende Therapie, vor allem, weil das auch nur zweimal geht.
Stattdessen war ich auf dem Weihnachtsmarkt, habe dem Glühwein gefrönt und ziemlich viele Erkenntnisse gewonnen, die ich hier verwursten kann.
Für die erste Erkenntnis muss ich ein wenig ausholen. Freud teilte die Psyche in drei Bereiche ein, die man am ehesten als unterkellerten Bungalow mit aufgesetztem Obergeschoß beschreiben kann. Im Keller wohnen die Triebe, das sogenannte Es, die alles kontrollieren wollende Schwiegermutter wohnt als Über-Ich ganz oben und in der Mitte wohnt das Ich, das mit der Umwelt kommuniziert und dabei von unten immer „poppen, poppen, poppen“ zu hören bekommt und von oben immer „reiß Dich zusammen, tu das nicht“.
Das Über-Ich reagiert relativ schnell und umfassend auf Alkohol, in dem es das Licht ausmacht, schlafen geht und das Feld dem Es und dem Ich überlässt. Dieses Konstrukt kann man auf einem stinknormalen Weihnachtsmarkt zu späterer Stunde schön überprüfen.
Ich wäre nicht ich, wenn mein Über-Ich nicht auch ein wenig absonderlich wäre. Wenn ich betrunken bin, gehen oben nicht einfach die Lichter aus, sondern mein Über-Ich holt Popcorn, setzt sich auf die Couch und fängt an witzig werden zu wollen. Mit durchaus gemischten Ergebnissen. Ja, jetzt kommt die Wurstwasser-Geschichte für all diejenigen, die sie schon vermisst haben.

Aus Gründen, die ich jetzt nicht näher erläutern werde, haben wir vor 23 Jahren mal zu fünft versucht, die Hausbar der Eltern eines Freundes leerzutrinken. Bei manchen wäre das schnell gegangen, bei manchen wäre das zur Lebensaufgabe verkommen. Die ausgesuchte Bar lag so in der Mitte. Nachdem der Campari Cordial komplett geleert war, hatte irgendjemand die Idee, dass man zwischendurch ja mal was essen könnte. Die Bar lag im Keller und keiner hatte Lust Treppen zu steigen, weil dann aus der Vermutung ziemlich betrunken zu sein, Gewissheit geworden wäre. Also blieb der Keller und wir fanden Würstchen im Glas.
Die Qualität war damals schon bescheiden aber nach relativ kurzer Zeit waren die Würstchen weg und übrig blieb das Wasser, auf dessen Oberfläche ganz seltsam schillernde Öllachen trieben. Mein Über-Ich, das sich damals schon so seltsam verhielt beobachtete ziemlich genau, wie einer meiner Freunde dieses Wasser in ein Glas schüttete und zu mir schob. Und weil mein Über-Ich eher diesen lustiges-Papphütchen-mit-Clownsnase-Humor hatte, fand es es extrem witzig, mich das Glas auf einen Zug austrinken zu lassen. Seither teilt sich mein Bekanntenkreis in zwei Lager: Auf der einen Seite diejenigen, die mir nicht glauben, dass ich es erstens gesehen und zweitens geschmeckt habe und auf der anderen Seite, diejenigen die mir glauben wobei ich der Ehrlichkeit halber zugestehen muss, dass auf der einen Seite nur ich bin. Nach dem Wurstwasser gab es übrigens noch ziemlich ungewöhnlich schmeckenden irischen Kaffeelikör, der definitiv keine Verbesserung darstellte.
Hätten wir das also auch. Zurück zum Weihnachtsmarkt und der ersten Erkenntnis:
Mein Über-Ich hat immer noch diesen lustiges-Papphütchen-mit-Clownsnase-Humor.

Falls noch jemand ein Weihnachtsgeschenk für mich sucht, ich bräuchte noch ein T-Shirt mit der Aufschrift „Nein, ich friere nicht“. Die Anzahl der Menschen, die es scheinbar nicht aushalten können, andere Menschen nur mit Pullover bekleidet zu sehen, ist auf Weihnachtsmärkten extrem hoch. Ich hatte auch eine Hose und Schuhe an, nur falls jemand gerade intensiv an tote Ratten denken muss damit sich der andere Eindruck nicht im Gehirn festsetzt. Erst als ich den Pulli ausgezogen habe, hat sich das gelegt.

Was leider mal wieder nicht funktioniert hat, war das Vergessen von Tokio Hotel im Allgemeinen und des Tokio-Hotel-Vorfalls von letzter Woche im Besonderen.
Ich muss vermutlich noch an meiner Theorie arbeiten, die besagt, dass wenn bei einem Rausch Gehirnzellen und Synapsen absterben, man steuern kann, was man vergisst, in dem man während des Trinkens intensiv daran denkt, was zu einer höheren lokalen Durchblutung, dadurch höherem Ethanolgehalt und damit höherer Absterbewahrscheinlichkeit führt. Hat aber wie gesagt nicht geklappt. Ich weiß noch alles. Tokio-Hotel scheint alkoholresistent zu sein, was daran liegen könnte, dass es sowieso nur die härtesten Synapsen auf sich nehmen, solche Dinge zu speichern.
Während ich mir den Glühwein gestern noch mal durch den Kopf gehen ließ, ist mir die Frage gekommen, ob es eigentlich mittlerweile Smartphones mit integriertem Alkoholtester gibt, der ab 1 Promille automatisch WhatsApp und Facebook sperrt und ein Taxi ruft. Wäre gestern vorteilhafter gewesen.
Kommen wir zur letzten Erkenntnis des Abends. Wenn der Körper auf Fettstoffwechsel umgestellt hat, ist er viel leichter betrunken zu bekommen. Ich hatte nämlich einerseits nicht das Gefühl mehr zu trinken als die anderen, kam mir allerdings andererseits deutlich betrunkener vor.

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