Man sollte auch den ersten Satz beachten

Da in meiner Facebook-Timeline dieses Bild aufgetaucht ist und sich die Leute, die das geteilt haben, irgendwie nicht an den ersten Satz gehalten haben, mach ich das jetzt (also drüber nachdenken).
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Mein erster Gedanke war, dass das Satire sein muss. Dann hab ich mir angeschaut, wer das noch so alles teilt und mir kam der schreckliche Gedanke, dass die das wirklich ernst meinen könnten. Bis auf den ersten Satz, den haben vermutlich die wenigsten verstanden, sonst wäre ihnen vielleicht folgendes eingefallen:

Wenn Du in Nordkorea den Wunsch äusserst, das Land zu verlassen, endet dieser Wunsch nicht im Ausland, sondern für die nächsten 15 Jahre im Arbeitslager1.

Wenn Du im Iran in der Öffentlichkeit eine Frau küsst, mit der Du nicht verheiratet ist, kann es sein, dass Du zusammen mit ihr tot unter einem Haufen Steinen endest, die eine aufgebrachte Menge gesetzeskonform auf Euch geworfen hat.

Wenn Du ein chinesischer Konzeptkünstler bist und Dich für Menschenrechte und gegen wirtschaftliche Ausbeutung und Umweltverschmutzung einsetzt, kann es sein, dass man Dich unter Hausarrest stellt und ab und zu mal an unbekannten Orten inhaftiert.

Wenn Du in Venezuela in einer Gewerkschaft bist und einen Streik organisierst, kann es sein, dass Du nachts Besuch von einer Todesschwadron bekommst und der Streik dann wegen Deines unerwarteten und plötzlichen Dahinscheidens abgesagt wird.

Wenn man in Saudi-Arabien einen regierungskritischen Blog betreibt, wird man öffentlich zu Tode gepeitscht2

In Deutschland, Österreich oder der Schweiz:

kannst Du (das Einverständnis der geküssten Person vorausgesetzt) küssen wen, wo, wann und wie Du willst und man wirft Dir allerhöchstens seltsame Blicke zu

kannst Du das Land verlassen und man weint Dir allerhöchstens keine Träne nach

kannst Du Dich engagieren für was Du willst und vermutlich reicht das dann sogar für einen Posten in der baden-württembergischen Landesregierung

kannst Du Streiks organisieren soviel du magst und die finden höchstens deswegen nicht statt, weil keiner mitmacht

kannst Du in Deinem blog die wildesten Verschwörungstheorien gegen die Regierung äussern und man straft Dich höchstens mit Missachtung

We all have a tendency to think that the world must conform to our prejudices. The opposite view involves some effort of thought, and most people would die sooner than think – in fact they do so

Bertrand Russell

  1. ein wenig kürzer, wenn Du nicht die richtige körperliche Konstitution hast und vorher an Entkräftung oder irgendeiner Krankheit stirbst []
  2. offiziell sind es „nur“ 1000 Peitschenhiebe, aber das endet in aller Regel mit dem Tod des Verurteilten []

Facebook, google und der ganze Rest

Man liest so viel von der Ausforschung der Nutzer durch die Anbieter von sozialen Plattformen und dass man von facebook nicht als Kunde, sondern als Teil der Ware betrachtet wird.

Das kann alles durchaus sein, allerdings kommt es mir so vor, als gäbe es da erhebliches Optimierungspotenzial.

Wenn ich die letzten 3 vorgeschlagenen Beiträge von facebook nehme, dann läßt sich das ungefähr so zusammenfassen:

„Schlaf nicht mit Deiner besten Freundin, das geht eh schief1. Geh doch stattdessen lieber auf ein Helene-Fischer-Konzert2 und kümmer Dich endlich um Deine faltige Haut3.“

Liebes Facebook-Team:

Auch wenn ich nur Teil der Ware bin, möchte ich doch ein bisschen besser umsorgt werden. Da werden mir intelligente Algorithmen versprochen, die meine Vorlieben kennen und treffsicher das Richtige vorschlagen und dann kommt was raus, was so aussieht, als hättet ihr einfach meine Mutter eingestellt.

 

  1. ein Stern-Artikel []
  2. eine Eventagentur []
  3. irgendeine Alterscreme []

Der Grieche hat jetzt lang genug genervt.

Disclaimer:
Ich habe es versucht, ich habe es wirklich lange versucht. Ich habe mir Ausgleichshobbys wie Laufen und Segeln zugelegt, ich gehe auf Tupper-Partys und Thermomix-Abende, ich habe mich mit hemmungslosem Tanzen1 und Feiern abgelenkt. Manchmal reicht versuchen einfach nicht.
Ich könnte mich auf Properz Standpunkt stellen, der meinte, dass es bei großen Dingen auch genügen würde, sie gewollt zu haben2. Aber ein bisschen traurig macht mich mein Rückfall schon. Ich war schon sooo weit. 412 Tage3.

Jetzt aber zum eigentlich Grund.
Herr Strobl gibt ein Interview zu Griechenland und sagt den Satz, der auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten musste:

„Der Grieche hat jetzt lang genug genervt.“

Max Liebermann ist das Erste, was mir ganz spontan dazu einfällt. „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“.

Und zwar nicht, weil ein Mensch wie Thomas Strobl der Meinung ist, dass der Grieche nervt. Wer als 17-Jähriger in die CDU eintritt, Stoppschilder im Internet für eine gute Idee hält4 und sich als Abgeordneter nicht in der Pflicht sieht zu kontrollieren, ob die Exekutive ihre Aufgabe richtig macht5 hat vermutlich einfach eine (in meinen Augen) seltsame Einstellung.

Was mich zum Kotzen bringt ist die Tatsache, dass der Herr Strobl zu lang im politischen Geschäft ist, um so einen Satz einfach unbedacht in einem Interview rauszuplappern. Der hat das mit voller Absicht gesagt und erfreut sich vermutlich gerade an dem kleinen Shitstorm, den er damit ausgelöst hat. Diejenigen, die da maulen und rumplärren6 hätten ihn sowieso nie gewählt. Herr Strobl schielt auf die Stammtische, die es schon immer gewusst haben und für die „der Grieche“ ein fauler Mensch ist, der auf ihre Kosten im Paradies lebt.
Deswegen geht meine Replik nicht an Herrn Strobl, sondern an die Addressaten seines Spruchs:

Lieber Stammtisch,
das Geld ist nicht nach Griechenland geflossen. Das hat unter anderem die Versicherungsgesellschaft bekommen, bei der Ihr Eure private Altersvorsorge habt und die der Meinung war, griechische Staatsanleihen wären risikoloser Gewinn und eine gute Idee. Das Geld hat die Bank, die auf ihre Renditen schielend griechische Ramschpapiere aufgekauft hat, in der Gewissheit, dass es jemanden geben wird, der ihnen den Schrott wieder abnimmt und die zur Not gerettet wird, weil sie im Gegensatz zu Menschen systemrelevant ist.

Die riesigen Target2-Salden wurden unter anderem deswegen aufgehäuft, weil irgendjemand die Waren kaufen muss, die ihr jeden Tag in Euren Betrieben produziert. Habt Ihr Euch schon mal überlegt, dass es eine Welt, in der jeder Staat einen Exportüberschuss erwirtschaftet, nicht geben kann? Und falls ja, habt Ihr irgendeine Idee, wie man das Problem lösen kann?

Von den 3’500€, die Euer all-inclusive-Urlaub in Griechenland letztes Jahr gekostet hat, sind maximal 400€ in Griechenland gelandet. Was das Servicepersonal davon gesehen hat, dass während 8 Monaten 6-Tage-Wochen mit 10 bis 12-Stunden Schichten hat und zum Dank für ihre Arbeit dann noch von Euch angeschnauzt wird, weil es nicht so schmeckt, wie bei Mutti, will ich gar nicht erwähnen7.

Lieber Stammtisch, es geht um Menschen. Ich bin auch der Meinung, dass die „Griechenland-Rettung“ völlig verfehlt angegangen wurde, dass die politischen Parteien in Griechenland in den letzten Jahrzehnten ziemlich schlecht regiert haben und dass es viele Probleme gibt, die die Griechen nur selbst lösen können. Aber das braucht Zeit, leider auch Geld und vor allem Hoffnung. Habt ihr eine Vorstellung davon, was es heißt, keine ausreichende medizinische Versorgung zu haben, weil die Medikamente aus dem Ausland beschafft werden müssen und das Ausland momentan nicht liefert?
Habt Ihr Euch schon mal überlegt, was es bedeutet in einem Land zu leben, in dem die Jugendarbeitslosigkeit bei 50% liegt? Stellt Euch die Abschlussklassen Eurer Kinder vor, zieht einen Strich durch die Mitte und diejenigen, die auf der falschen Seite stehen haben keinen Ausbildungsplatz und werden auch nie einen bekommen. Sagt all denen ins Gesicht, dass sie „über ihre Verhältnisse gelebt haben und die Umstellung zwar hart ist, aber auch nötig und dass da, wo gehobelt wird, halt nun mal Späne fallen“.

Liebermann. Max Liebermann.

  1. für eine sehr weite Auslegung des Begriffs „Tanzen“ []
  2. Wer wie ich mit nicht vorhandenen Lateinkenntnissen prahlen will: „In magnis et voluisse sat est“ []
  3. nur ein kleiner Insider-Scherz, man möge mir verzeihen []
  4. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/zensurdebatte-cdu-abgeordneter-will-netzfilter-auf-online-spiele-ausweiten-a-629905.html []
  5. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wahlcomputer-urteil-blamage-fuer-die-blackbox-freunde-a-611148.html []
  6. also so jemand wie ich []
  7. Ja, auch ich habe Vorurteile. Aber die fußen auf jahrzehntelanger Beobachtung deutscher Touristen im Ausland []

Der Kontraindikator

Meine Handlungen sind ja bei ganz unterschiedlichen Dingen ein verlässlicher Hinweisgeber darauf, dass man etwas nicht tun sollte:

  • Wenn ich Aktien kaufe, fällt der Kurs,
  • wenn ich Aktien verkaufe, steigt der Kurs,
  • wenn ich eine Band toll finde, löst sie sich auf,
  • wenn mir eine Eissorte schmeckt, schmeisst sie die Eisdiele aus dem Programm
  • youtube-Videos, die ich anschauen will, sind in meinem Land grundsätzlich nicht verfügbar1
  • die Kasse an der ich mich anstelle wird grundsätzlich am langsamsten abgefertigt, weil vor mir
    • es Leute „passend haben“ (sich die Münzen aber erst pressen lassen müssen)
    • der EAN-Code nicht lesbar ist und Herr Müller aus der Abteilung Dauerwurst am Regal nachschauen muss, was es denn kostet
    • den Leuten das Geld nicht reicht und sie sich nicht entscheiden können, was die denn da lassen
    • das Papier am Bondrucker ausgeht
    • jemand das Obst nicht abgewogen hat oder der Aufkleber abgegangen ist und irgendwo im Einkaufswagen liegt
  • Regalsysteme, die ich toll finde werden aus dem Programm genommen, so dass ich nichts mehr erweitern kann oder nur in anderen Farben2

Microsoft wollte nicht abseits stehen und hat einen neuen Punkt hinzugefügt:

  • Software-Implementierungslösungen, die ich gut finde, werden abgekündigt und sind in neueren Versionen nicht mehr vorhanden.

Ich habe mir ja schon überlegt, das als Service anzubieten (vom einfachen „ich kaufe mir jetzt Aktie xy“ bis hin zu einem T-Shirt auf dem steht „hier nicht antellen, diese Schlange ist die langsamste“)., aber vermutlich bekomme ich das dann auch so hin, dass es wieder schiefgeht.

  1. dafür noch mal vielen Dank liebe GEMA []
  2. dafür danke liebes Bauhaus []

Und dafür wollt ihr ein Leistungsschutzrecht?

Die Süddeutsche Zeitung hat vermutlich jemanden beschäftigt, der sich durch die Bundestagsdrucksachen liest und ist dabei auf BT-Drs 17/8928 gestossen, in der die Linke unter anderem wissen will:

Welcher Rentenanspruch ergäbe sich rechnerisch aus einer geringfügigen Beschäftigung in Höhe von 400 Euro innerhalb eines Jahres jeweils bei Wahrnehmung und Nichtwahrnehmung der Möglichkeit der freiwilligen Aufstockung der Rentenbeiträge, wenn dieser über 45 Jahre ausgeübt wer den würde?

Davon abgesehen, dass das jeder selbst ausrechnen kann, denn die Zahlen stehen bei der Deutschen Rentenversicherung, plustert die Süddeutsche Zeitung das Ergebnis auf, als wäre man einem riesigen, bisher vertuschten Skandal auf die Schliche gekommen:

Millionen Frauen müssen befürchten, im Alter arm zu werden – obwohl sie arbeiten. Betroffen sind vor allem Minijobberinnen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor, die der „Süddeutschen Zeitung“ vorliegt.

Das wusste wirklich niemand. Wie konnten sie nur.

Davon abgesehen, liegt die Antwort der Bundesregierung ziemlich bald jedem mit Internet-Anschluß vor, die BT-Drs  17/9117, aus der die Süddeutsche vermeintlich konspirativ zitiert, wird vermutlich bald online gestellt1 .

Aber zurück zum Thema. Wer bei google nach „45 Jahre gearbeitet – 140 Euro Rente“ sucht, findet über 200 Treffer. Fast alle zitieren die Süddeutsche Zeitung, nur ganz wenige sind auf die Idee gekommen, selbst in die Drucksache zu schauen, oder nachzudenken, bevor sie etwas schreiben. Dann wäre nämlich aufgefallen, dass die vermeintliche Schlagzeile eine Binsenwahrheit ist.

Aber für die versammelte Presse zum nachlesen und etwas vereinfacht:

Deutsche Renten werden nach sogenannten Entgeltpunkten berechnet. Für jeden Beitrag erwirbt man Anteile an Entgeltpunkten. Im Jahr 2012 bekommt man bei einem Bruttogehalt von 2’625 €/Monat einen Entgeltpunkt fürs ganze Jahr. Für ein Bruttogehalt von 400 € bekommt man einen entsprechenden Bruchteil, nämlich 0,1523 Entgeltpunkte (400/2625). Bei Minijobbern kommt als Ausnahme dazu, dass der Arbeitnehmer nichts abführen muss, der Arbeitgeber aber 15,1% des Bruttolohns. Der Arbeitnehmer kann zwar auf die aktuell 19,6% aufstocken, er muss aber nicht. Wenn nur der Arbeitgeber bezahlt, dann gibt es noch weniger, nämlich 0,1174 Entgeltpunkte (400/2625*15,1/19,6).

Nach 45 Beitragsjahren hat die Minijobberin, die den Anteil des Arbeitgebers aufgestockt hat dann 6,85 Entgeltpunkte (45*0,1523), diejenige, die nicht aufgestockt hat 5,28 (0,1174*45).

So ziemlich jedes Jahr wird der sogenannte Rentenwert angepasst, der multipliziert mit den persönlichen Entgeltpunkten die Rentenhöhe ergibt. Momentan liegt dieser Wert bei 27,47 €.

Jetzt noch eine einfache Multiplikation und man kommt auf 145,04 € bzw. 188,17 €.

Aus 400 € Monatsverdienst werden also 188,17 € Rente. Man bekommt also 47,25% des letzten Bruttogehalts als Rente ausgezahlt.

<Trommelwirbel>

dieses Verhältnis gilt für alle Arbeitnehmer unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze

</Trommelwirbel>

Wer 45 Jahre durchschnittlich verdient (momentan 2’625 €/Monat) bekommt am Ende 1236,15 € Rente (45 * 27,47 €).

Wo ist da jetzt die Meldung?In insgesamt über 200 Zeitungen?

Ich meine, was hatte die Süddeutsche Zeitung denn erwartet? Dass da plötzlich 600 € Rente für einen Minijobber draus werden?

Die gesetzliche Rentenversicherung basiert auf einem Umlagesystem. Jeder eingenommene Euro geht spätestens 2 Monate später als Rentenzahlung wieder raus. Es bleiben nur die Entgeltpunkte. Aber selbst wenn es ein kapitalgedecktes System wäre. Der Minijobber (bzw. sein Chef) zahlt in seinen 45 Beitrags-Jahren insgesamt 42’336 € (45 * 12 * 400 * 0,196) ein.

Sollte er den Rentenbeginn um 15 Jahre überleben, bekommt er insgesamt 33’780,60 € als Rente und weitere 2’472 € zahlt die Rentenversicherung an die Krankenversicherung.

Wie ich gerade sehe, bin ich nicht der erste, dem das auffällt.

[Update]

Die oben erwähnte Bundestagsdrucksache ist online und zwar hier:

http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/091/1709117.pdf

[/Update]

  1. sie ist es jetzt, der Link funktioniert []