Statistik und Gemeinschaftsschulen

Herr Stoch, seines Zeichens baden-württembergischer Kultusminister hat eine Pressemitteilung herausgegeben, die den Erfolg der Gemeinschaftsschule herausstreichen soll.

Dankenswerterweise hat er auch Zahlen mitgeliefert, so daß man selbst rechnen kann.

Die Anmeldezahlen für Gemeinschaftsschulen sind von 5’738 auf 10’057 gestiegen, was als großartige Steigerung um 75% gefeiert wird.
Unterschlagen wird, dass die Zahl der Schulen von 128 auf 209 gestiegen ist, was einer Steigerung von 63% entspricht.
Die durchschnittliche Schülerzahl ist von 45 auf 48 gestiegen, was einer Steigerung von 7,3% entspricht.

Zum Vergleich die Zahlen vom letzten Jahr (aktuelle Zahlen will Herr Stoch erst später mitteilen):

  • Gymnasium: 38’338 Anmeldungen an 378 Schulen (durchschnittlich 101 Anmeldungen)
  • Realschule: 31’629 an 429 Schulen (durchschnittlich 73 Anmeldungen)

Obwohl die Gemeinschaftsschule einen höherwertigen Unterricht anbieten soll als die Werkrealschule, werden die Anmeldezahlen, die eine Werkrealschule vor der Umwandlung in eine Gemeinschaftsschule und dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung hatte, in vielen Gemeinden (unter anderem meiner) nicht erreicht.

Fast alle derjenigen Gemeinderäte, mit denen ich gesprochen habe, waren für die Gemeinschaftsschule, weil man

  1. die Investitionen, die in die Werkrealschulen geflossen waren schützen wollte und
  2. unbedingt eine Sekundarschule vor Ort haben wollte und die Werkrealschule eindeutig auf dem absteigenden Ast ist

Das kann natürlich ein Einzelfall sein, aber wenn man sich anschaut, welche Schulart bisher vorrangig eine Umwandlung in einer Gemeinschaftsschule beantragt hat, dann ist das die Haupt- und Werkrealschule. Nur 16 (7,5%) sind aus einer Realschule entstanden. Gymnasien finden sich gar keine.

Wenn das Konzept der Gemeinschaftsschule die Schulträger wirklich überzeugen würde, dann sollte man einen höheren Anteil an Realschulen haben.

Ich habe prinzipiell nichts gegen die Gemeinschaftsschule, allerdings finde ich das Konzept nicht schlüssig (vielleicht hat es mir auch einfach noch keiner genau genug erklärt).

Wenn ich die Grundschule meines Sohnes nehme und Mathematik betrachte, dann gab es in der Mitte der 3. Klasse (also nach zweieinhalb Jahren) Lernstandsunterschiede von einem Jahr. Es gab Schüler, die dank eines engagierten Lehrkörpers schon 4. Klasse Mathematik gemacht haben und es gab Schüler, die noch 2. Klasse Mathematik gemacht haben. Ich weiß, dass man nicht einfach extrapolieren kann, aber wenn ich mir das über 10 Jahre vorstelle, dann ergeben sich schon Lernstandsunterschiede von über 2 Jahren.

In einem Fach wie Mathematik, das auf dem vorhergehenden Stoff aufbaut, kann man am Ende des Jahres nicht einfach auf Null stellen damit jeder im nächsten Jahr die Chance hat, vom Kompetenzlevel von ganz unten nach ganz oben durchzustarten. Ich habe nur ein paar einfache Fragen, zu denen ich gerne konkrete Antworten (und nicht nur wolkige Aussagen) hätte:

  • Gehen die Befürworter der Gemeinschaftsschule davon aus, dass sich die Lernstandsunterschiede, die sich schon in der Grundschule zeigen, in der Gemeinschaftsschule ausnivelliert werden?
    • Falls ja,
      • warum gelingt das dann noch nicht in der Grundschule, wo die Basis gelegt wird?
      • in welche Richtung?
    • Falls nein,
      • welchen Lernstandsunterschied erwarten sie dann in Klasse 9 oder 10?
      • wie soll eine so heterogene Mischung von unterschiedlichen Kompetenzleveln einigermaßen zielgerichtet unterrichtet werden (das fängt bei den Schulbüchern an und endet bei so Dingen wie: wie erfährt ein kranker Schüler, was im Unterricht behandelt wurde, oder fällt das zukünftig weg)?
  • Warum soll es für den Erfolg der Gemeinschaftsschule wichtig sein, dass 1/3 der Schülerinnen und Schüler Gymnasialniveau hat?
  • Wieso soll jetzt jeder ab der 6. Klasse eine zweite Fremdsprache lernen?

Diese Fragen sollten doch eigentlich nicht so schwer zu beantworten sein. Unter diesem Beitrag kann man kommentieren ūüôā

 

 

Landtagswahl in Baden-Württemberg: Jede Stimme zählt

Gut, nicht in allen Wahlkreisen hat sich das auf das Endergebnis ausgewirkt, aber es gibt einige, bei denen schon minimalste Veränderungen in der Wählerschaft größere Verschiebungen bedeutet hätten.

Unten stehende Grafik ist ein Ausschnitt aus dem Wahlnachtsbericht der Landeswahlleiterin:

Die Grafik zeigt einen Ausschnitt des Stimmenvorsprungs der CDU vor den Grünen.

In Tübingen lag der Kandidat der Grünen gerade mal 26 Stimmen vor dem Kandidaten der CDU. Sollte sich das beim endgültigen amtlichen Endergebnis noch verschieben ( im Wahlkreis gab es 887 ungültige Stimmen, die teilweise nachträglich für gültig erklärt werden könnten und es gab 30’500 Stimmen für den Kandidaten der Grünen, von denen einige nachträglich noch für ungültig erklärt werden könnten), dann erhöht sich die Zahl der Abgeordneten um 1. Die CDU erhielte ein Überhangmandat, Ausgleichsmandate würden in dieser Konstellation nicht anfallen.

Etwas komplexer ist die Situation in Karlsruhe II.

Momentan hat die CDU im Regierungsbezirk Karlsruhe 4 Überhangmandate und daraus folgen 2 Überhangmandate für die SPD und 1 Überhangmandat für die Grünen. Wenn die CDU ihren Sitz bei der Nachzählung verlieren sollte, dann verliert nicht nur die CDU einen Sitz, sondern auch die SPD. Die Grünen dürften ihren Sitz behalten.

Frank Rentrups Schicksal als SPD-Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Ettlingen hängt davon ab, ob Katrin Schütz ihren Sitz im Wahlkreis Karlsruhe II für die CDU behält oder nicht.

Heute Abend gibt es dann noch einen Beitrag zu den SPD-Kandidaten Frank Rentrup aus Ettlingenund Regina Schmidt-Kühner aus Karlsruhe, bei denen bis jetzt 1 einzige Stimme ausschlaggebend ist, dass der eine in den Landtag einzieht und die andere nicht.

Was für Statistik-Liebhaber

Der Bundeswahlleiter (der es immerhin geschafft hat, dass sein Name nun einem breiten Publikum bekannt ist) hat auf seiner Seite diverse Statistiken zu den Kandidaten für die Bundestagswahl 2009 veröffentlicht.

Man erfährt dort zum Beispiel, dass von den 2’077 Kandidaten, die die derzeit im Bundestag vertretenen Parteien ins Rennen schicken, 561 jünger als 40 Jahre sind und der Schnitt bei 47 Jahren liegt. Die Kandidaten werden im Vergleich zu 2005 älter (wer jetzt „ja, 4 Jahre“ kommentiert bekommt ein Eis), die Zahl der Ü60-Bewerber steigt von 13,1% auf 17,6%.

Wenn ich die Zahlen richtig interpretiert habe, bewerben sich 537 MdB um eine weitere Amtszeit. Meine Kristallkugel sagt mir, dass das auch 479 Abgeordneten gelingt.