Facebook, google und der ganze Rest

Man liest so viel von der Ausforschung der Nutzer durch die Anbieter von sozialen Plattformen und dass man von facebook nicht als Kunde, sondern als Teil der Ware betrachtet wird.

Das kann alles durchaus sein, allerdings kommt es mir so vor, als gäbe es da erhebliches Optimierungspotenzial.

Wenn ich die letzten 3 vorgeschlagenen Beiträge von facebook nehme, dann läßt sich das ungefähr so zusammenfassen:

„Schlaf nicht mit Deiner besten Freundin, das geht eh schief1. Geh doch stattdessen lieber auf ein Helene-Fischer-Konzert2 und kümmer Dich endlich um Deine faltige Haut3.“

Liebes Facebook-Team:

Auch wenn ich nur Teil der Ware bin, möchte ich doch ein bisschen besser umsorgt werden. Da werden mir intelligente Algorithmen versprochen, die meine Vorlieben kennen und treffsicher das Richtige vorschlagen und dann kommt was raus, was so aussieht, als hättet ihr einfach meine Mutter eingestellt.

 

  1. ein Stern-Artikel []
  2. eine Eventagentur []
  3. irgendeine Alterscreme []

Der Grieche hat jetzt lang genug genervt.

Disclaimer:
Ich habe es versucht, ich habe es wirklich lange versucht. Ich habe mir Ausgleichshobbys wie Laufen und Segeln zugelegt, ich gehe auf Tupper-Partys und Thermomix-Abende, ich habe mich mit hemmungslosem Tanzen1 und Feiern abgelenkt. Manchmal reicht versuchen einfach nicht.
Ich könnte mich auf Properz Standpunkt stellen, der meinte, dass es bei großen Dingen auch genügen würde, sie gewollt zu haben2. Aber ein bisschen traurig macht mich mein Rückfall schon. Ich war schon sooo weit. 412 Tage3.

Jetzt aber zum eigentlich Grund.
Herr Strobl gibt ein Interview zu Griechenland und sagt den Satz, der auch als Überschrift dieses Beitrags herhalten musste:

„Der Grieche hat jetzt lang genug genervt.“

Max Liebermann ist das Erste, was mir ganz spontan dazu einfällt. „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“.

Und zwar nicht, weil ein Mensch wie Thomas Strobl der Meinung ist, dass der Grieche nervt. Wer als 17-Jähriger in die CDU eintritt, Stoppschilder im Internet für eine gute Idee hält4 und sich als Abgeordneter nicht in der Pflicht sieht zu kontrollieren, ob die Exekutive ihre Aufgabe richtig macht5 hat vermutlich einfach eine (in meinen Augen) seltsame Einstellung.

Was mich zum Kotzen bringt ist die Tatsache, dass der Herr Strobl zu lang im politischen Geschäft ist, um so einen Satz einfach unbedacht in einem Interview rauszuplappern. Der hat das mit voller Absicht gesagt und erfreut sich vermutlich gerade an dem kleinen Shitstorm, den er damit ausgelöst hat. Diejenigen, die da maulen und rumplärren6 hätten ihn sowieso nie gewählt. Herr Strobl schielt auf die Stammtische, die es schon immer gewusst haben und für die „der Grieche“ ein fauler Mensch ist, der auf ihre Kosten im Paradies lebt.
Deswegen geht meine Replik nicht an Herrn Strobl, sondern an die Addressaten seines Spruchs:

Lieber Stammtisch,
das Geld ist nicht nach Griechenland geflossen. Das hat unter anderem die Versicherungsgesellschaft bekommen, bei der Ihr Eure private Altersvorsorge habt und die der Meinung war, griechische Staatsanleihen wären risikoloser Gewinn und eine gute Idee. Das Geld hat die Bank, die auf ihre Renditen schielend griechische Ramschpapiere aufgekauft hat, in der Gewissheit, dass es jemanden geben wird, der ihnen den Schrott wieder abnimmt und die zur Not gerettet wird, weil sie im Gegensatz zu Menschen systemrelevant ist.

Die riesigen Target2-Salden wurden unter anderem deswegen aufgehäuft, weil irgendjemand die Waren kaufen muss, die ihr jeden Tag in Euren Betrieben produziert. Habt Ihr Euch schon mal überlegt, dass es eine Welt, in der jeder Staat einen Exportüberschuss erwirtschaftet, nicht geben kann? Und falls ja, habt Ihr irgendeine Idee, wie man das Problem lösen kann?

Von den 3’500€, die Euer all-inclusive-Urlaub in Griechenland letztes Jahr gekostet hat, sind maximal 400€ in Griechenland gelandet. Was das Servicepersonal davon gesehen hat, dass während 8 Monaten 6-Tage-Wochen mit 10 bis 12-Stunden Schichten hat und zum Dank für ihre Arbeit dann noch von Euch angeschnauzt wird, weil es nicht so schmeckt, wie bei Mutti, will ich gar nicht erwähnen7.

Lieber Stammtisch, es geht um Menschen. Ich bin auch der Meinung, dass die „Griechenland-Rettung“ völlig verfehlt angegangen wurde, dass die politischen Parteien in Griechenland in den letzten Jahrzehnten ziemlich schlecht regiert haben und dass es viele Probleme gibt, die die Griechen nur selbst lösen können. Aber das braucht Zeit, leider auch Geld und vor allem Hoffnung. Habt ihr eine Vorstellung davon, was es heißt, keine ausreichende medizinische Versorgung zu haben, weil die Medikamente aus dem Ausland beschafft werden müssen und das Ausland momentan nicht liefert?
Habt Ihr Euch schon mal überlegt, was es bedeutet in einem Land zu leben, in dem die Jugendarbeitslosigkeit bei 50% liegt? Stellt Euch die Abschlussklassen Eurer Kinder vor, zieht einen Strich durch die Mitte und diejenigen, die auf der falschen Seite stehen haben keinen Ausbildungsplatz und werden auch nie einen bekommen. Sagt all denen ins Gesicht, dass sie „über ihre Verhältnisse gelebt haben und die Umstellung zwar hart ist, aber auch nötig und dass da, wo gehobelt wird, halt nun mal Späne fallen“.

Liebermann. Max Liebermann.

  1. für eine sehr weite Auslegung des Begriffs „Tanzen“ []
  2. Wer wie ich mit nicht vorhandenen Lateinkenntnissen prahlen will: „In magnis et voluisse sat est“ []
  3. nur ein kleiner Insider-Scherz, man möge mir verzeihen []
  4. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/zensurdebatte-cdu-abgeordneter-will-netzfilter-auf-online-spiele-ausweiten-a-629905.html []
  5. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wahlcomputer-urteil-blamage-fuer-die-blackbox-freunde-a-611148.html []
  6. also so jemand wie ich []
  7. Ja, auch ich habe Vorurteile. Aber die fußen auf jahrzehntelanger Beobachtung deutscher Touristen im Ausland []

Da steh ich nun ich armer Tor

meta1

Zwischen diesen Bildern liegen knapp 15 Monate, eine neue Brille, ein paar Niederlagen, ein paar Siege, ein neuer Job, ein Buch, mein innerer Abschied von der Politik, zwei Segelregatten, 8 Discobesuche, 3 Paar Laufschuhe, 3 Halbmarathons, ungefähr 25 Flexi-Bar-Stunden, ein paar Dinge, die ich hier ganz sicher nicht hinschreiben werde und die Erkenntnis, dass ich immer noch keine Ahnung habe, was mich im April letzten Jahres geritten hat, anzufangen.

Ich muss zugeben, dass da oben liest sich schon ein bisschen wie das, was man in einem Bild-der-Frau-Artikel erwarten würde, der die Überschrift „10 sichere Anzeichen, wie Sie die midlife-crisis von ihrem Mann erkennen1“ trägt.

Ich sehe allerdings auf dem linken Bild nicht wirklich unglücklich aus und ich war es auch nicht, zumindest nicht so, dass ich es bewusst wahrgenommen habe.

Vermutlich sollte ich mich einfach freuen und es hinnehmen, aber irgendwie will ich immer noch alles verstehen.

Wenn also irgendjemand eine Idee jenseits der Standarderklärungen hat, immer her damit.

  1. ich habe keine Ahnung, ob in den Redaktionsräumen eines Blattes des Springerverlags die Verwendung des Genitivs noch wertgeschätzt wird, glaube das aber nicht []