34 – last resort

Wer mir Freitag nachmittags auf dem Heimweg begegnet, kann mich das manchmal singen hören. Laut und falsch1, aber inbrünstig.
Weil ich um meine eigenen Unzulänglichkeiten weiß, mittlerweile aber zumindest bezüglich dieser speziellen im Stadium der resignativen Akzeptanz angekommen bin, sind Besuche im Autohaus mit mir auch immer ein klein wenig verstörend, weil meine Entscheidungskriterien, wann ein Auto in Frage kommt, nicht dem gängigen Bild entsprechen, das Autoverkäufer vermutlich haben.

Während andere zu besonderen Alu-Felgen, getönten Scheiben, einer anderen Farbe oder der Kofferraumgröße Fragen haben, ist für mich ein Kaufkriterium, ob ich mich noch singen höre, wenn das Radio voll aufgedreht ist. Und weil ich Aussagen nicht blind vertraue, probiere ich das auch aus.

Und dann kann man Autoverkäufer beim Denken beobachten:

“Darf der überhaupt ein Auto kaufen, oder taucht morgen sein gerichtlich bestellter Betreuer auf und macht den Kauf rückgängig?”

“Scheisse ist das laut”

“Vielleicht hätten wir das Auto in die Werkstatt stellen sollen, bevor er das ausprobiert”

“Vielleicht hätten wir das Auto vom Gelände fahren sollen, bevor er das ausprobiert”

“Der hört jetzt nicht wirklich noch ein zweites Lied”

“Ich hätte was gescheites lernen sollen, irgendwas mit Holz”

Natürlich könnte man Boxen und Verstärker auch einfach nachträglich einbauen, aber dafür bekomme ich von meiner standesamtlich bestellten Betreuerin keine Genehmigung, weil das unnötiger Schnickschnack ist. Dabei ist es wirklich extrem entspannend, also das laut mitsingen.

  1. Falsch dergestalt, dass ich fast keinen einzigen Ton treffe. Na gut, das fast kann man eigentlich streichen []

35 – Kryptonite

Mal wieder so ein Lied, bei dem ich hauptsächlich unverständige Blicke dafür ernte, Luftgitarre spielend und laut mitsingend durchs Wohnzimmer zu hüpfen.
Irgendwann werden Eltern nun mal peinlich.
Textsichere Eltern ein wenig später, weil nur “lalala” singend auf der nach unten offenen Peinlichkeitsskala noch etwas tiefer rangiert, aber das rettet einen allerhöchstens 2 Minuten. Wahrscheinlich eher nur 1 Minute und auch nur dann, wenn die Sekunden sehr kurz sind.
Aber wenn ich mir aussuchen kann, ob ich wegen sowas peinlich bin, oder wegen des Mitschunkelns beim Musikantenstadl, entscheide ich mich für ersteres, das macht wenigstens Spaß.

Kommen wir zum Inhalt des Lieds und den Problemen die entstehen, wenn die Kinder den Text verstehen.
Da bekommt man schon mal zu hören, da wäre ein “if” zuviel in der ersten Zeile des Refrains, die Zeit wäre zumindest in meinem Falle falsch, das müsse simple past sein und nein, er würde das nicht mehr tun, hätte er im übrigen auch noch nie. Dabei wird man dann angeschaut mit einem Blick, der irgendwo zwischen Missbilligung und müdem Lächeln schwankt, während er sich im Hinterkopf vermutlich schon überlegt, wieviel ihn später die Umschläge ans Pflegepersonal kosten werden, weil der Alte mal wieder völlig ausgetickt ist.
Grundsätzlich macht mich sowas ja stolz (also auf meine Kinder), aber vermutlich steige ich doch auf französische Chansons um.

Um noch mal kurz zum Text zurückzukehren. Nicht, dass ich Superkräfte hätte, aber Kryptonit gibt’s trotzdem für mich.

37 – Carry you home

Ich habe ziemlich lange gegrübelt, ob das Lied überhaupt in die Liste kommt. Aber es sollen ja 42 Lieder sein, die mir was bedeuten und irgendwie bin das, was jetzt kommt, auch ich.

Vor 10 Jahren kam mein Opa ins Krankenhaus wegen des Verdachts auf Lungenentzündung, die er sich vermutlich bei der Beerdigung seiner Frau zwei Tage zuvor zugezogen hatte. Ich bin dem Krankenwagen dann noch mit der obligatorischen Krankenhaustasche – die wahrscheinlich noch meine Oma gepackt hatte – nachgefahren, hab die Sachen im Schrank verstaut und mich bis zum nächsten Tag verabschiedet.

Als ich am nächsten Tag zu ihm wollte, wurde mir mitgeteilt, man hätte ihn auf die Intensivstation verlegt, weil in der Nacht Komplikationen aufgetreten seien. Dort wurde ich von zwei Ärzten in Empfang genommen, die mir erklärten, dass mein Opa in ein künstliches Koma versetzt worden war, dass sein Zustand zwar stabil sei, was aber ausschliesslich durch die Geräte und die ständige Medikation gewährleistet würde, die ihn im Moment auch am Leben erhielten. Und es gäbe da die Patientenverfügung, in der mein Opa lebensverlängernde Maßnahmen ablehnt, wenn nicht mehr damit zu rechnen sei, dass sich sein Zustand später wieder verbessern könnte. Nach Ansicht des betreuenden Stations-Arztes und zweier Oberärzte sei nicht damit zu rechnen, dass er sich wieder erholen würde. Man würde in Übereinstimmung mit seiner Patientenverfügung die Geräte abschalten. Ob ich denn noch mal zu ihm wolle.

Ich wollte und ich glaube, ich stand einfach nur 5 Minuten stumm am Fußende seines Bettes, bis die Ärzte reinkamen und mir mitteilten, sie würden jetzt die Geräte abschalten. Ob ich lieber gehen wolle, oder bleiben.

Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass mein Opa da einsam und alleine in seinem Bett liegt und stirbt, während ich einfach weggehe. Ich habe dann einen Stuhl bekommen, während die Schwestern und die Ärzte die ganzen Spritzenpumpen und Monitore abgeschaltet haben. Da ich wusste, dass mein Opa immer Angst davor hatte, zu ersticken, habe ich irgendwie noch fragen können, ob man denn die Beatmung anlassen könne. Nach einem kurzen Augenrollen des Intensivmediziners hat man sie angelassen und sich für die nächsten 15 Minuten verabschiedet.

Und da saß ich jetzt, am Bett meines Opas mit dem Wissen, dass der Mann, dessen Hand ich gerade hielt, in der nächsten Viertelstunde sterben würde. Ich weiß nicht, ob man kurz vor dem Tod sein eigenes Leben noch mal an sich vorüberziehen sieht, aber ich habe in dieser Viertelstunde mein Leben mit meinem Opa an mir vorüberziehen sehen. Von den ersten Erinnerungen, wie er seinem ziemlich bockigen und ungeduldigen Enkelsohn mit einer Engelsgeduld das Fahrradfahren beigebracht hat, wie wir zum ersten Mal zusammen auf seiner Kreidler Florett gefahren sind und er sich danach von meiner Oma eine Gardinenpredigt anhören musste, die sich gewaschen hatte, weil ich doch noch viel zu klein dafür sei, wie wir zusammen in ihrem alten Haus die Ölöfen aufgefüllt haben und es in den Zimmern, die ich aufgefüllt hatte, immer entsetzlich nach Heizöl stank, wie wir zusammen die alte Uhr repariert haben, die vor der Reparatur die Bigben-Melodie spielte und danach irgendetwas sehr dissonantes, wie wir uns oft und sehr intensiv darüber gestritten hatten, zu welchen Anlässen man denn rasiert auftaucht, und ganz am Ende, wie er sich drei Tage zuvor zu meinem Sohn und mir in’s Spielzimmer gesetzt und uns einfach zugeschaut hatte, bis Niklas plötzlich aufstand, zu ihm tapste und ihn umarmte. Und ich hab ihm das alles erzählt und wie froh und glücklich ich bin, so einen Opa zu haben. Und dann wollte mir partout nicht einfallen, wann ich es ihm das letzte Mal davor gesagt hatte.

Und dann war es auch schon vorbei. Der Herzmonitor zeigte nichts mehr an, die Ärzte kamen rein und ich ging.

Zwei Jahre später habe ich dann zum ersten Mal “carry you home” gehört und als der Refrain kam, saß ich plötzlich wieder in diesem Krankenhausstuhl, hörte die Beatmungsmaschine und hätte beinahe angefangen zu heulen, was in dem Moment relativ unpassend gewesen wäre.

Mittlerweile geht’s, aber so völlig normal wird dieses Lied für mich vermutlich nie werden.