Man muß den politischen Gegner auch mal loben können. Das passiert bei den Grünen so selten, dass das einen Blogbeitrag wert ist.
Die Grünen überlegen momentan, auch bei den Lohnnebenkosten ein Progressivmodell einzuführen, bei dem nicht ab dem ersten Euro die vollen 33% Sozialversicherung fällig werden. Warum das eine gute Idee ist, möchte ich an folgendem Beispiel verdeutlichen.
Nehmen wir mal an, ich hätte eine Dienstleistungsidee und hätte durch intensive Befragung potenzieller Kunden festgestellt, dass ca. 15 € für eine Stunde dieser Dienstleistung auszugeben bereit sind. Es handelt sich um eine personalintensive Dienstleistung, so dass am Ende alles in Lohn fließen kann und keine teuren Gerätschaften angeschafft und gewartet werden müssen.
15 € wäre der private Kunde zu zahlen bereit. Klingt nach viel, ist es aber nicht.
- Gehen wir mal von einer 35h-Woche meiner Mitarbeiter aus, von 5 Wochen Jahresurlaub, 7 Feiertagen die auf einen Wochentag fallen und 10 Krankheitstagen. Dann arbeitet mein Mitarbeiter 1’533 Stunden pro Jahr.
- Wenn ich meinen Mitarbeiter immer zu Kunden schicken kann, darf ich am Ende des Jahres Rechnungen über 22’995 € schreiben
- Von den 22’995 € wollen die Herren Schäuble, Schmid und mein Gemeindekämmerer erst mal 3’671 € als Umsatzsteuer. Bleiben noch 19’324 € übrig.
- Da mein Mitarbeiter natürlich Anspruch auf bezahlten Urlaub und Feiertage, sowie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall hat, muß ich ihn 1’827 Stunden bezahlen
- Dann komme ich auf 10,57€, die ich für den Mitarbeiter bezahlen kann. Dummerweise ist daß nicht sein Brutto-, geschweige denn Nettolohn, denn es gehen ja noch die Arbeitgeberanteile der Sozialversicherung ab.
- Die Sozialversicherungsbeiträge liegen bei
- gesetzliche Rentenversicherung (jeweils 9,45%)
- gesetzliche Krankenversicherung (8,2% + 7,3%)
- gesetzliche Pflegeversicherung (1,275% + 1,025%)
- gesetzliche Arbeitslosenversicherung (jeweils 1,5%)
- Umlage U1-U3 (AG alleine 1,8%)
- Berufsgenossenschaft (AG alleine 1%)
- AG-Anteil 22,08%
- Ich muß die 10,57 € also erst noch durch 1,2208 teilen, denn auch wenn die Abgaben Arbeitgeberanteil heißen, erwirtschaften muss sie der Arbeitnehmer.
- Dann kommt ein Bruttolohn von 8,66 € raus. Davon gehen dann ab
- 1,77 € Arbeitnehmeranteil Sozialversicherung
- 0,41 € Einkommensteuer
- Es verbleibt ein Nettolohn von 6,48 €/h bzw. ein Jahresnetto von 11’839 €
- Noch mal schnell oben geschaut. Ja, die Kunden haben wirklich fast das Doppelte bezahlt.
Schon bei relativ geringem Einkommen (liegt ja nur 16 Cent über dem geforderten Mindestlohn) sackt der Staat 48,5% dessen, was der Auftraggeber bezahlt, ein. Ja, aber dafür hat der sozialverischerungpflichtig Tätige doch auch Vorteile. Genau.
- Sollte er arbeitslos werden, liegt das Arbeitslosengeld I unter seinem Arbeitslosengeld-II -Anspruch, das heißt, es wirkt sich nicht aus.
- Wenn er 45 Jahre seine Tätigkeit lückenlos ausübt, hat er am Ende seines Berufslebens 22 Beitragspunkte erwirtschaftet, das entspricht momentan einer Rente von 617 € brutto. Das liegt unter dem Grundsicherungsbetrag, von seinen Rentenzahlungen hat er also auch nichts.
- Krankenversichert ist man auch als ALG-II-Empfänger, dadurch ergeben sich also auch keine Vorteile.
Weil man ja alles grafisch viel besser darstellen kann, 2 kleine Grafiken.
Wo wandert das Geld in einem sozialversichungspflichtigen Job hin?

Im Vergleich dazu, die traditionelle Schwarzarbeit:

Minijobs sind entgegen der Annahme von Frau Göring-Eckardt oder der Tagesschau nicht von Abgaben befreit, sie werden direkt vom Arbeitgeber bezahlt und der Arbeitnehmer bekommt nur nichts davon mit.
Das ist alles eine total langweilige Materie, die nur das echte Interesse weniger findet. Da es aber doch den Ein oder Anderen gibt, den es vielleicht doch interessiert, hier mal eine – in meinen Augen – interessante Aufstellung:
[UPDATE Grund: Die gesetzliche Pflegeversicherung beim sozialversichungspflichtig tätigen Arbeitnehmer nachgetragen ]
Die Leser meines Blogs können selber denken, für alle Anderen ein paar Gedanken zu den Zahlen:
- Der Arbeitgeber spart bei der Umwandlung von Minijob in regulären Job 61 €
- Die Abgaben erhöhen sich bei der Umwandlung eines Minijobs in einen regulären Job um 29 €
- Der Arbeitnehmer verdient nach der Umwandlung eines Minijobs in einen regulären Job 90 € weniger
[/UPDATE]
Quellen:
- SGB III (Arbeitslosenversicherung),
- SGB V (Krankenversicherung)
- SGB VI (Rentenversicherung)
- SGB VII (Unfallversicherung)
- SGB XI (Pflegeversicherung)
- Aufwendungsausgleichsgesetz (Umlage U1 – U3)
“Es ist doch absurd, dass wohlhabende Bürger über den Kinderfreibetrag am Ende mehr Geld vom Staat für ihre Kinder bekommen als ärmere Familien, die auf das Kindergeld angewiesen sind.”
Sigmar Gabriel, SPD-Bundesvorsitzender
Das Grundmissverständnis von Herrn Gabriel liegt schon darin, dass die Eltern das Geld nicht vom Staat bekommen, sondern es selbst verdient haben und der Staat es ihnen gnädigerweise lässt.
Das kann man natürlich absurd finden, aber nur dann, wenn man die dem Steuerrecht zugrundeliegende Systematik entweder nicht verstanden hat, oder das Ganze völlig umbauen will zu einem System, in dem der Staat erst mal möglichst viel abschöpft, um es dann nach eigenem Gutdünken wieder zu verteilen (minus die 30% Verwaltungs- und Bürokratiekosten).
Im Falle eines Wahlsiegs plant die SPD, den Kinderfreibetrag für Gutverdiener deutlich abzuschmelzen.
Sehr geehrte Damen und Herren Sozialdemokrat*innen,
irgendwann hatte mal jemand die grandiose Idee, dass der Staat1 seine Pfoten nicht gleich auf den ersten verdienten Euro legt, sondern dass ein Mensch das Recht hat, sich erst sein lebensnotwendiges Existenzminimum selbst zu verdienen, bevor das Finanzamt kommt.
Das gilt – Wunder über Wunder – auch für Kinder, denn auch sie haben ein Anrecht auf ein Existenzminimum. Der Kinderfreibetrag ist genau dieses. Denn auch ein Kind isst, trinkt, wohnt, möchte bekleidet sein, am Anfang scheisst es ziemlich viele Windeln voll2, es fährt mit einem Schulbus, braucht Bücher, Hefte, Stifte …
Nachdem ich mein Existenzminimum von 8’130€ verdient habe, darf ich für meine beiden Kinder noch mal jeweils 7’008€ verdienen, bevor der Fiskus kommt.
Sollte die Steuererleichterung durch die 7’008€ Freibetrag niedriger sein als das Kindergeld, bekomme ich Kindergeld, falls er höher ist bekomme ich kein Kindergeld.
Es liegt in der Natur des Steuerrechts, dass eine Verringerung des zu versteuernden Einkommens immer mit dem Grenzsteuersatz wirksam wird. Das sollte mittlerweile auch bei Sozialdemokrat*innen angekommen sein. Wer viel verdient, für den ergibt sich durch bspw. die Pendlerpauschale eine höhere Entlastung als für einen Geringverdiener, einfach weil der Gutverdiener einen höheren Steuersatz hat und damit viel mehr Steuern bezahlt als ein Geringverdiener. Das wird seltsamerweise oft vergessen, wenn man sich über diese “Ungerechtigkeit” beklagt.
Natürlich kann man der Meinung sein, dass der allumsorgende Staat statt der Eltern für die Kinder zuständig ist und natürlich gibt es Lebenssituationen, in denen Eltern auf den Staat angewiesen sind, allerdings möchte ich nicht in einem Land leben, in dem die Elternschaft als Reproduktionsarbeit bezeichnet wird.
Ich möchte auf keinen Fall einen Godwin riskieren, aber es ist nicht meine Vorstellung, dass ich dem Staat Kinder schenke, auf das sie fleissige Steuerzahler und gute Mülltrenner werden.
- anders als die Sozialversicherungen [↩]
- ich darf das schreiben, ich habe genug von diesen Dingern gewechselt [↩]
Meine Handlungen sind ja bei ganz unterschiedlichen Dingen ein verlässlicher Hinweisgeber darauf, dass man etwas nicht tun sollte:
- Wenn ich Aktien kaufe, fällt der Kurs,
- wenn ich Aktien verkaufe, steigt der Kurs,
- wenn ich eine Band toll finde, löst sie sich auf,
- wenn mir eine Eissorte schmeckt, schmeisst sie die Eisdiele aus dem Programm
- youtube-Videos, die ich anschauen will, sind in meinem Land grundsätzlich nicht verfügbar1
- die Kasse an der ich mich anstelle wird grundsätzlich am langsamsten abgefertigt, weil vor mir
- es Leute “passend haben” (sich die Münzen aber erst pressen lassen müssen)
- der EAN-Code nicht lesbar ist und Herr Müller aus der Abteilung Dauerwurst am Regal nachschauen muss, was es denn kostet
- den Leuten das Geld nicht reicht und sie sich nicht entscheiden können, was die denn da lassen
- das Papier am Bondrucker ausgeht
- jemand das Obst nicht abgewogen hat oder der Aufkleber abgegangen ist und irgendwo im Einkaufswagen liegt
- Regalsysteme, die ich toll finde werden aus dem Programm genommen, so dass ich nichts mehr erweitern kann oder nur in anderen Farben2
Microsoft wollte nicht abseits stehen und hat einen neuen Punkt hinzugefügt:
- Software-Implementierungslösungen, die ich gut finde, werden abgekündigt und sind in neueren Versionen nicht mehr vorhanden.
Ich habe mir ja schon überlegt, das als Service anzubieten (vom einfachen “ich kaufe mir jetzt Aktie xy” bis hin zu einem T-Shirt auf dem steht “hier nicht antellen, diese Schlange ist die langsamste”)., aber vermutlich bekomme ich das dann auch so hin, dass es wieder schiefgeht.





