Tanzverbot

Es ist mal wieder ein stiller Feiertag.

Und wie jedes Mal vor Gründonnerstag, Karfreitag, Allerheiligen, Buß- und Bettag, dem Totensonntag sowie dem Volkstrauertag liefern sich die üblichen Verdächtigen hitzige Debatten über den Sinn und Unsinn eines Tanzverbots.

Und wie jedes Mal werden die gleichen Argumente ausgetauscht und am Ende bleiben die Befürworter eines Tanzverbots Befürworter und die Gegner eines Tanzverbots sind immer noch dafür, dass es aufgehoben wird.

Das Problem am Tanzverbot ist, dass man es nicht logisch fassen kann.

Niemand wird wirklich in seiner Freiheit beeinträchtigt, wenn er mal 6 Tage im Jahr nicht zum Tanzen gehen kann, genau sowenig wie irgendjemand in seinem Glauben beeinträchtigt wird, weil 10 Kilometer entfernt – völlig unbemerkt von ihm – Menschen tanzen.

Es geht auch gar nicht ums Tanzverbot, es geht ums Prinzip, da kann man nicht diskutieren.

Von daher spare ich mir auch die Wiederholung meiner Argumente aus den Vorjahren, freue mich auf den 9. April, wenn meine Stamm-Disco zum letzten Mal in altem Ambiente die Türen öffnet und gehe einfach dann tanzen.

Also ich ginge tanzen, wenn ich tanzen könnte. So geh‘ ich einfach nur hin, höre laute Musik und bewege mich arhythmisch im Takt.

und bis dahin stimm‘ ich mich ein wenig ein.

Bis 18:00 Uhr dürfte ich das sogar öffentlich, wenn mir das nicht ganzjährig wegen §118 I OWiG verboten wäre.

Wahlprognosen und Wahlergebnisse in Baden-Württemberg

Übermorgen wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt und anders als ganz früher, veröffentlichen die Institute auch in der Woche vor der Wahl noch Umfrage-Ergebnisse.

Wenn man die letzten Prognosen der letzten Wahl anschaut und mit dem echten Wahlergebnis vergleicht, dann scheinen die Institute das relativ gut zu können, mit dem Raten.

CDU Grüne SPD FDP
Ergebnis 2011 39,0 24,2 23,1 5,3
Emnid 38,0 25,0 23,0 5,0
FORSA 38,0 24,0 24,0 5,0
FGW 38,0 24,0 22,5 5,0
Infratest 39,0 24,0 22,0 5,5

Sie lagen alle ziemlich nahe dran, die größte Abweichung waren 1,1%

Dann wage ich mal eine Prognose für Sonntag, basierend auf den letzten Umfragen.

CDU Grüne SPD AfD FDP
28,1%
(27-29)
32,4%
(32-33,5)
13,9%
(12,5-16)
12,0%
(11-13)
6,8%
(6-8)

Was man jetzt schon sagen kann ist, dass es dieses Mal mehr als 1,1% Maximalabweichung geben wird, denn anders als im Jahr 2011 liegen die Prognosen für einzelne Parteien teilweise um 3,5% auseinander.

Alle Institute sehen die Grünen vor der CDU, nur FORSA sieht eine hauchdünne grün-rote Mehrheit, bei allen anderen ist die einzig mögliche Zweier-Koalition Grün-Schwarz.
Irgendjemand wird am Ende vermutlich seine bereits gemachten Koalitionsaussagen überdenken müssen.

Die geringsten Chancen räume ich momentan einer sogenannten Deutschland-Koalition (schwarz-rot-gelb) ein. Zwei eindeutige Wahlverlierer und eine Partei, die aufpassen muss, dass sie das Vertrauen, das gerade ein bisschen zurückkehrt, nicht gleich wieder verspielt.

Es wird auf jeden Fall spannend.

Also wenn man sich für Politik interessiert.

Für alle anderen ist es vermutlich spannender, wem der Bachelor eine Rose schenkt, wer bei the biggest loser am wenigsten abgenommen hat, für wen es bei GNTM kein Bild gibt, oder wer bei kiss bang love mit wem poppt.
Wobei ich der Fairness halber auch zugeben muss, dass die Auswirkungen aufs tägliche Leben für die Meisten ähnlich hoch sind und abgesehen von „the biggest loser“ die beteiligten Personen in diesen Formaten doch um einiges ansehnlicher sind als die in der Elefantenrunde.

 

Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

Vorbemerkung:
In Zeiten, in denen Politiker-Ehrenworte nicht mehr direkt in schweizerischen Badewannen, amerikanischen Thinktanks oder mit ungeöffneten Fallschirmen enden1, fühle ich mich an meine Versprechen diesbezüglich auch nicht mehr so recht gebunden. Auch wenn es erst ein paar Stunden alt ist. Wie schon Adenauer wusste, hindert mich nichts daran, weiser zu werden

 

Wenn man die Prognosen für RLP und Ba-Wü vergleicht, ist es schon sehr offensichtlich, wie wahlentscheidend Einzelpersonen sind.

Partei Ba-Wü RLP
CDU 30% 35%
Grüne 32% 7%
SPD 13% 35%

Die Bundespolitik kann zwar wunderbar den „Absturz“ der CDU um 10-12% seit letzten Herbst erklären, aber während die SPD in Rheinland-Pfalz in den Umfragen seit Herbst um 3-5% zugelegt hat, ist sie in Baden-Württemberg noch mal um 5-7% gefallen, und das von einem viel niedrigeren Niveau kommend.

Die Grünen in Baden-Württemberg haben seit Herbst um 5-8% zugelegt, in Rheinland-Pfalz sind sie um 3-4% gesunken.

Ihre Politik will ich jetzt gar nicht bewerten, aber alleine das Standing von Kretschmann, Klöckner und Dreyer ist so komplett anders als das von Lemke, Schmid und Wolf.

Baden-Württemberg war für die SPD in den letzten 50 Jahren nie ein erfolgreiches Pflaster, über einen Stimmenanteil von 33,3% ist sie nie hinausgekommen.
Aber wenn die jetzigen Prognosen halbwegs stimmen, dann bedeutet das noch mal fast eine Halbierung des bisher schlechtesten Landesergebnisses aus dem Jahr 2011. Natürlich kann man das alles darauf schieben, dass man als kleiner Koalitionspartner immer ein bisschen untergeht. Viel entscheidender ist meines Erachtens aber die Tatsache, dass der Baden-Württemberger den Posten des Ministerpräsidenten immer noch mit der Rolle des Landesvaters assoziiert. Und da kann Herr Schmid noch 20 Jahre warten, bis er das auch nur im Ansatz erfüllt. Ganz symptomatisch dafür ist die SWR3-Comedy, bei der der Landes-Finanzminister nur als „der kleine Nils“ vorkommt. Natürlich verliert man dadurch keine Wahlen, aber das ist ja auch nur Ergebnis der gefühlten Stimmung und nicht ihre Ursache.

Für die CDU war Baden-Württemberg eigentlich immer eine sichere Bank. Egal ob bei Bundestagswahlen oder der Beteiligung an Landesregierungen. Das ging 2011 ein bisschen zu Ende, als zu Fukushima und Stuttgart21 noch Mappus kam, der wirklich nur überzeugte CDU-Wähler dazu gebracht hat, ihr Kreuzchen ganz oben auf dem Stimmzettel zu machen.
Man hatte zwar die Regierungsbeteiligung verloren, durfte aber immer noch 60% mehr Abgeordnete stellen, als die Zweitplatzierten Grünen.
Baden-Württemberg war schwarz.

War.

Das hat sich, wenn die Prognosen nur halbwegs stimmen, komplett gedreht. Weil man in der CDU-Basis nach Mappus genug von polarisierenden Kandidaten  hatte, hat man sich für einen entschieden, der gar nicht vorkommt. Ich sehe seine Plakate und ab und zu lese ich was von Wahlkampfveranstaltungen, bei denen er aufgetreten ist. Aber ansonsten kommt der Mann nicht vor. Ich weiß über die CDU-Kandidatin in Rheinland-Pfalz viel mehr, als über den Spitzenkandidaten meines Bundeslands. Zur Ehrenrettung der CDU-Basis kann man noch anführen, dass der Schwiegersohn von Herrn Schäuble, dessen Namen ich leider vergessen habe2, auch nicht wirklich als Identifikationsfigur getaugt hat und mehr stand da halt auch nicht zur Auswahl.

Und jetzt zu den Grünen. Wobei eigentlich müsste da stehen „und jetzt zu Winfried Kretschmann“. Eigentlich völlig egal, für wen der antritt, oder was für eine Politik die Partei macht, die er in die Regierung bringt.
Der läuft unter Landesvater. Das kann man gut finden oder schlecht, aber es ist bei ganz vielen Menschen so. Aus meinem Umfeld, das zum größten Teil das Stadium der resignativen Akzeptanz erreicht hat, was Parteien und Wahlen angeht, kommen Sprüche wie „der beste CDU-Ministerpräsident der letzten 20 Jahre“. Dass man dafür die Grünen wählen muss, schlucken die meisten als Kröte mit. Menschen, die in ihrem Leben bei Landtagswahlen noch nie weiter als bis zum ersten Eintrag auf dem Stimmzettel gekommen sind, gehen plötzlich eine Zeile tiefer. Und entgegen aller Prognosen ist Baden-Württemberg imer noch ein erfolgreiches Bundesland mit prosperierenden Unternehmen und einer Schaffer-Mentalität, die viel wichtiger ist, als das Parteibuch des jeweiligen Ministerpräsidenten.

Noch ein Wort zu den AfD-Wählern, denen ich gar nicht unterstellen will, dass sie das Wahlprogramm gelesen haben, weil schon die Inhalte der Plakate irgendwie intellektuell so anstrengend waren, dass mehr als ein „ich zeig’s denen da oben“ nicht hängen geblieben ist und die die vielen Buchstaben nur verwirren würden.
In einem Land, in dem wegen einer Reaktorkatastrophe, die in 9’500 Kilometer Entfernung stattgefunden hat, die Jodtabletten ausgehen, sind 10% für so eine Partei eigentlich nicht das alarmierendste Zeichen des geistigen Niedergangs.

Zurück zu den restlichen 90%. Da habe ich das Gefühl, dass viel taktischer gewählt wird, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war.
So kurz vor dem Wahlgang ist denen, die den Prognosen halbwegs vertrauen klar, dass es mit grün-rot nichts mehr wird. Das verleitet dann viele ehemalige SPD-Wähler dazu, ihre Stimme bei den Grünen zu machen, weil man auf jeden Fall verhindern will, dass Herr Wolf Ministerpräsident wird. Auf der anderen Seite gibt es einige FDP-Sympathisanten, die der Wahlaussage zur schwarz-rot-gelben Koalition wenig abgewinnen können und deshalb zur CDU wechseln, damit Kretschmann auf jeden Fall nicht noch mal Ministerpräsident wird. Das reicht allerdings nicht, um die in Scharen von der CDU davoneilenden Wähler aufzufangen, die zwar ein bisschen schwarz in der neuen Landesregierung haben wollen, aber bitte doch nicht in der Führungsposition mit einem Monchichi3 besetzt. Ausserdem ist klar, dass ohne die CDU nichts gehen wird, da kann man ruhig ein bisschen fremdgehen, sieht ja keiner.

In 6 Tagen sind wir schlauer.

  1. wer alle drei erkannt hat, darf sich einen Keks abholen []
  2. Nein, natürlich nicht. Ging mir nur um den Effekt: Thomas Strobl. Der macht zwar eine Politik, die ich vergessen möchte, aber ganz so weit ist es dann doch nicht []
  3. ad hominem mache ich sonst eigentlich nie, aber das habe ich jetzt schon so oft von ganz unterschiedlichen Personen gehört, und ausserdem habe ich bei Herrn Schmid auch schon so argumentiert. Vermutlich mach ich’s doch öfter, als es mir auffällt und lieb ist []

Landtagswahlen in Baden-Württemberg 2016

Eigentlich bin ich ja mit Politik durch, aber nachdem ich am Wochenende ein Gespräch mit jemandem geführt habe, der nach Jahrzehnten zum allerersten Mal grün wählt, muss ich meine Abstinenz kurz unterbrechen.

Baden-Württemberg steht wirklich vor einem politischen Umbruch, der vermutlich noch größer sein wird, als beim letzten Mal, als die Wahl zwar einen grünen Ministerpräsidenten hervorgebracht hat, die CDU aber trotzdem mit weitem Abstand die stärkste Kraft im Land wurde.

Wenn man sich die Prognosen anschaut und die März-Zahlen mittelt (INSA, Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap), kommt man zu folgendem möglichen Wahlergebnis:

Grüne 32,5%
CDU 28,8%
SPD 12,8%
AfD 12,2%
FDP 7%
Sonstige 6,7%

Weil Baden-Württemberg ein etwas anderes Wahlrecht hat, als sonst bei Landtagswahlen üblich, wird das in Bezug auf die Direktkandidaten ziemlich interessant. Man hat nur eine Stimme und wählt damit gleichzeitig die Partei und den Kandidaten im Wahlkreis.

Im März 2011 hat die CDU noch 60 von 70 Wahlkreisen gewonnen. Wenn man berücksichtigt, dass sie voraussichtlich 1/4 ihrer Wählerinnen und Wähler verliert, die Grünen über 30% hinzugewinnen werden und die SPD fast komplett ausfällt, weil sie von ihrem bisher schlechtesten Landtagswahlergebnis noch mal fast auf die Hälfte abrutscht, wird das spannend.

Natürlich kann man die Prozentzahlen nicht einfach auf die Wahlkreise umrechnen, weil gerade in Baden-Württemberg auch die Landtagswahlen Persönlichkeitswahlen sind und den Befragten in den Prognosen vermutlich gar nicht immer so klar war, dass sie nur eine Stimme haben. Aber in vielen Wahlkreisen hat bei der CDU ein Generationswechsel stattgefunden (auch wenn der in meinem Wahlkreis nur 4 Jahre Altersunterschied beträgt), viele Neulinge treten gegen MdL an und die allgemeine Stimmung ist für die CDU so schlecht wie schon lange nicht mehr. Angefangen bei der Bundespolitik und endend beim Spitzenkandidaten.

Wenn man die Zahlen auf die Wahlkreise runterbricht, könnten die Grünen mehr Direktmandate erzielen als die CDU.

Es gibt noch sowas wie schwarze Hochburgen, aber es gibt immer weniger. Im Regierungspräsidium Tübingen könnten von den 11 Wahlkreisen 5 an die Grünen gehen, unter anderem mein Wahlkreis Ravensburg und der direkte Nachbar Bodensee.
Es gibt ein paar Kreise, bei denen der Vorsprung der CDU das letzte Mal so groß war, dass vermutlich nur der Bau eines atomaren Endlagers im betreffenden Wahlkreis dazu führen könnte, dass der CDUler nicht gewinnt (Balingen, Sigmaringen, Wangen, Ehingen, Biberach).

Ich wage jetzt mal eine Prognose:

Nach der Landtagswahl 2016 wird es fürs Regierungspräsidium Tübingen

  • 7 CDU-MdL
  • 6 Grüne-MdL
  • 2 SPD-MdL
  • 2 AfD-MdL
  • 1 FDP-MdL

geben. Das sind 3 weniger als jetzt, aber aufgrund der geringeren Zahl an Überhangmandaten wird der neue Landtag vermutlich kleiner ausfallen als die 138 Mandate, die vor 5 Jahren vergeben wurden.

Ich lass die stehen, auch wenn sie mir vermutlich nächsten Montag peinlich ist.

Wer ein bisschen mit den Zahlen spielen will, findet hier ein Excel, das ich vom statistischen Landesamt habe und das für die Prognose ein bisschen angepasst ist. So im Nachhinein hätte man die SPD auch ganz rausnehmen können, die wird mit den Direktmandaten nichts zu tun haben.

Kreise

 

Gute Vorsätze und kognitive Dissonanzen

Vorbemerkung:
Nur weil ich weiß, wie das Zeugs heißt und wie es funktioniert, bedeutet das nicht, dass ich – nicht mal ansatzweise – der Meinung bin, es auch nur einen Deut besser zu machen als der Rest. Einfacher wird es dadurch auch nicht wirklich, es ist eher so wie ein Mückenstich, der erst dann wirklich anfängt zu jucken, wenn man ihn bemerkt und das erste Mal gekratzt hat.

 
Menschen sind unterschiedlich. Wenn ich mir mein Umfeld so anschaue, dann ist das für manche schon die erste Überraschung, die gepaart mit etwas Sendungsbewusstsein und einem falsch verstandenen kategorischen Imperativ

[Ich] Handle nur nach [..] [meiner] Maxime, [..] die [..] zugleich [..] ein allgemeines Gesetz werde[n] [soll]

unter anderem dazu führt, dass man Anderen das Tanzen vor Allerheiligen verbietet oder verpflichtende Veggie-Days einführt.

Aber ich schweife ab.

Das ist übrigens einer meiner bereits nicht mehr vorhandenen Vorsätze. Ich wollte nicht mehr so abschweifen.

Zurück zum Thema.

Nicht nur Menschen sind unterschiedlich, auch jeder Mensch hat unterschiedliche Wünsche, Absichten und Einstellungen.

Das ist so lange kein Problem, wie sich diese Wünsche, Absichten und Einstellungen nicht gegenseitig widersprechen. Das tun sie sehr oft und für alle sicht- und viele erlebbar in der Zeit vom 31.12. eines Jahres bis Mitte/Ende Januar des folgenden Jahres (für manche auch nur bis Anfang Januar, genauer bis zum ersten Januar, kurz nach dem Aufstehen). Die wenigsten guten Vorsätze fürs neue Jahr überleben die ersten zwei bis vier Wochen.

Auch das ist prinzipiell noch kein Problem, hat man sich halt umentschieden. Geistige Flexibilität ist ja auch schon ein Wert an sich.

Aber neben dem sozialen Druck, sich vor seinem Umfeld rechtfertigen zu müssen, kommt sehr häufig auch noch das innere Gefühl der Unzufriedenheit und des schlechten Gewissens, weil man es wieder nicht geschafft hat. Und schon hat man eine kognitive Dissonanz. Vereinfachend formuliert hat man sich freiwillig für irgendetwas entschieden, dass sich im Nachhinein aus den unterschiedlichsten Gründen als doof herausstellt. Das ist also kein krankhafter Zustand, sondern trifft jeden. Zwar unterschiedlich häufig, aber trotzdem irgendwann mal jeden. Vielleicht mit der Ausnahme von Berufspolitikern, für die das Fehlen jeglicher kognitiver Dissonanzen zu den Grundvoraussetzungen zu gehören scheint.

Um diese Dissonanz aufzulösen (weil die wenigsten Menschen Unzufriedenheit als anzustrebendes Grundgefühl ansehen oder gern mit einem schlechten Gewissen rumlaufen), kann man entweder seine Einstellung ändern, oder sein Verhalten.

Um das aus der grauen Theorie in die Praxis zu holen, nehmen wir mal zwei populäre Vorsätze:

  • Ich treibe (mehr) Sport
  • Ich werde mich gesünder ernähren

Den 2-Jahres-Knebel-Vertrag mit dem Fitness-Studio bekommt man noch hin, sich selbst danach ins Studio aber kaum noch.
Den Kürbis und die Linsen kauft man noch ein, aber nachdem an der Hokkaido-Schale zwei Messer abgebrochen sind und man festgestellt hat, dass die Linsen eine Garzeit von 30 Minuten haben, wird’s dann doch die 9-Minuten-Pizza, die noch im Tiefkühler lag.

Um das aufkommende schlechte Gewissen zu bändigen gibt’s zwei Möglichkeiten:
Entweder ich ändere meine Einstellung um weiterhin ohne Reue den Abend auf der Couch mit Tiefkühlpizza verbringen zu können, oder ich ändere mein Verhalten, kaufe mir ein Schlachtermesser (für den Kürbis), plane für meine Mahlzeiten ausreichend Zeit ein und schwitze in einem Fitness-Studio oder in Laufschuhen auf der Strasse.

Die Änderung der Einstellung ist vermutlich die einfachere Variante, die ungefähr so funktioniert:

Winston Churchill ist mit seiner Devise1 „first of all, no sports“ auch über 90 geworden und man liest ja auch so häufig von Sportverletzungen, gerade im Fitness-Studio und die nehmen da doch auch alle Anabolika und ich will keine kleinen Hoden (Männer) bzw. einen Bart (Frauen). Und überhaupt ist das immer so ein Aufwand mit hinfahren, trainieren, duschen, heimfahren, das reicht mir unter der Woche einfach nicht und am Wochenende will ich mich einfach mal erholen. Außerdem war ich betrunken, als ich den Vorsatz gefasst habe, der zählt eigentlich gar nicht richtig, mit 3 Flaschen Sekt ist man sicher nicht mehr zurechnungsfähig. Und das mit dem laufen ist mit meinem Gewicht auch ganz schlecht für die Gelenke und Bänder und ich bekomm‘ da immer so einen roten Kopf und im Sommer hat’s zu viel Ozon und im Winter ist es dunkel und rutschig.
Bye bye Sport.

In der Nahrungsmittelindustrie sitzen so viele schlaue Köpfe, die werden schon wissen, wie sie alles wichtige in die Lebensmittel bekommen, außerdem steht da gesund & bekömmlich auf dem Etikett, dass dürften die ja gar nicht schreiben, wenn’s nicht stimmen würde. Und überhaupt ist das immer so ein Aufwand mit dem Kochen. Töpfe kaufen, Kochbuch kaufen, im Lexikon nachschlagen, wie so eine Pastinake überhaupt aussieht, Pastinaken kaufen, putzen schälen, kochen, danach aufräumen und so weiter. Da macht das Essen gar keinen Spaß mehr. Und schau mal, was ich gefunden2 habe:

So deckt eine Pizza „Vier Jahreszeiten“ einen Großteil des Tagesbedarfs an wichtigen Vitaminen, wie eine Untersuchung ergeben hat: B-Vitamine im Teig, Käse und Thunfisch liefern Vitamin D und A, das Olivenöl Vitamin E und die Tomaten, Pilze und der Spinat enthalten Folsäure und Vitamin C.

Da lohnt sich der ganze Bohei um gesundes Essen gar nicht. Und ich kauf mir jetzt smoothies. Okay, keine grünen weil die eklig aussehen und auch so schmecken, aber die bunten mit Frucht. Das zählt, da steht auch smoothie drauf. Salat ist einfach nicht dafür gemacht, im Mixer zu enden.
Bye bye gesunde Ernährung (wobei, das mit der Pizza hat mich echt überrascht. Was man nicht alles so findet, wenn man googelt).

Und so löst sich die kognitive Dissonanz auf, die Vorsätze sterben still und heimlich, beziehungsweise schlafen sanft bis zum nächsten 31. Dezember, bis sie von einem angetrunkenen Über-Ich geweckt werden, um mal kurz wieder das Tageslicht zu sehen.

  1. die zwar nicht von ihm ist, aber wenn man es oft genug wiederholt, stimmt es irgendwann []
  2. http://www.mdr.de/hauptsache-gesund/vitamine114-download.pdf []