Kalenderblatt 03.07.2006

Vor 123 Jahren wurde Franz Kafka geboren, der – obwohl von mir in der Schule komplett durch Nichtbeachtung gestraft – es geschafft hat, sich gleich mit mehreren Zitaten und kleineren Werken in meinen Zitatefundus zu schleichen:

„Warum willst du fortlaufen? Setz dich her und trink! Ich zahl’s.“ So setzte ich mich also. Er fragte mich einiges, aber ich konnte es nicht beantworten, ja ich verstand nicht einmal die Fragen. Ich sagte deshalb: „Vielleicht freut es dich jetzt, daß du mich eingeladen hast, dann gehe ich“, und ich wollte schon aufstehn. Aber er langte mit seiner Hand über den Tisch herüber und drückte mich nieder: „Bleib“, sagte er, „das war ja nur eine Prüfung. Wer die Fragen nicht beantwortet, hat die Prüfung bestanden.“

Dafür habe ich mir extra ein T-Shirt für die Vordiplomsprüfung gemacht (die ich dann auch glücklicherweise bestand).

Nun haben aber die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist zwar nicht geschehen, aber vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiß nicht.

(Dieses Zitat findet Erwähnung in dem Buch Contact von Carl Sagan, wobei es – nur am Rande erwähnt – der Film mit Jodie Foster in der Hauptrolle nur unvollständig schafft, den Inhalt des Buches darzustellen. Wer lesen kann, sollte auf jeden Fall das Buch nehmen.)

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Sollte ich je ein Buch schreiben, werde ich diesen Satz – in abgewandelter Form – an den Anfang schreiben.

Kalenderblatt 01.07.06

Vor 90 Jahren begann die Schlacht an der Somme, die in ihrer 4 1/2-monatigen Dauer über 1,1 Millionen Menschen das Leben kostete. Die Geländegewinne am Ende lagen im einstelligen Kilometerbereich.

Der englische Militärhistoriker Hart, ein Teilnehmer des 1. Weltkrieges, fasst das Geschehen so zusammen:

nothing but stupid mutual mass-slaughter

Kurt Tucholsky sieht das im Text „der bewachte Kriegsschauplatz“ etwas poinitierter, aber im Ergebnis ähnlich:

Hinter dem Gewirr der Ackergräben, in denen die Arbeiter und Angestellten sich abschossen, während ihre Chefs daran gut verdienten, stand und ritt ununterbrochen, auf allen Kriegsschauplätzen, eine Kette von Feldgendarmen. Sehr beliebt sind die Herren nicht gewesen; vorn waren sie nicht zu sehen, und hinten taten sie sich dicke. Der Soldat mochte sie nicht; sie erinnerten ihn an jenen bürgerlichen Drill, den er in falscher Hoffnung gegen den militärischen eingetauscht hatte.

Die Feldgendarmen sperrten den Kriegsschauplatz nicht nur von hinten nach vorn ab, das wäre ja noch verständlich gewesen; sie paßten keineswegs nur auf, daß niemand von den Zivilisten in einen Tod lief, der nicht für sie bestimmt war. Der Kriegsschauplatz war auch von vorn nach hinten abgesperrt.

„Von welchem Truppenteil sind Sie?“ fragte der Gendarm, wenn er auf einen einzelnen Soldaten stieß, der versprengt war. „Sie“ sagte er. Sonst war der Soldat „Du“ und in der Menge „Ihr“ – hier aber verwandelte er sich plötzlich in ein steuerzahlendes Subjekt, das der bürgerlichen Obrigkeit Untertan war. Der Feldgendarm wachte darüber, daß vorn richtig gestorben wurde.

Für viele war das gar nicht nötig. Die Hammel trappelten mit der Herde mit, meist wußten sie gar keine Wege und Möglichkeiten, um nach hinten zu kommen, und was hätten sie da auch tun sollen! Sie wären ja doch geklappt worden, und dann: Untersuchungshaft, Kriegsgericht, Zuchthaus, oder, das schlimmste von allem: Strafkompanie. In diesen deutschen Strafkompanien sind Grausamkeiten vorgekommen, deren Schilderung, spielten sie in der französischen Fremdenlegion, gut und
gern einen ganzen Verlag ernähren könnten. Manche Nationen jagten ihre Zwangsabonnenten auch mit den Maschinengewehren in die Maschinengewehre.

So kämpften sie.

Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war.

Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.

[..]

Die Gendarmen aller Länder hätten und haben Deserteure niedergeschossen. Sie mordeten also, weil einer sich weigerte, weiterhin zu morden. Und sperrten den Kriegsschauplatz ab, denn Ordnung muß sein, Ruhe, Ordnung und die Zivilisation der christlichen Staaten.