Weil es gerade so gut passt

Wieder ein Gesetz, an dem der Herr Schäfer beteiligt war, ist gemäß dem Berliner Verwaltungsgericht verfassungswidrig und wird deshalb dem Bundesverfassungsgericht zur Prüfung vorgelegt.

Auf heise.de ist zu erfahren:

Die im Jahr 2005 in die Novelle der Telekommunikations-Überwachungsverordnung (TKÜV) eingebaute Verpflichtung privater Telekommunikationsdienstleister, auf eigene Kosten Technik zur Überwachung von Auslandstelefonaten (sogenannte Auslandskopfüberwachung) zu installieren, ist nach Ansicht des Berliner Verwaltungsgerichts nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Die 27. Kammer habe deshalb die Klage eines Telekommunikationsanbieters dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt [..]

Vermutlich nach Ansicht des Herrn Schäfer auch so Querulanten, die in einem vorangegangenem Beschluß

[..] im Wege der einstweiligen Anordnung untersagt[en], vor rechtskräftigem Abschluss des Hauptsacheverfahrens (VG 27 A 3.07) gegen die Antragstellerin Maßnahmen wegen fehlender technischer Umsetzung von Einrichtungen zur Auslandskopfüberwachung einzuleiten.

zum Glück gibt’s die EU

Während Bundestagsabgeordnete gerne auf ihre normative Unfreiheit verweisen, wenn es um die Verabschiedung von Gesetzen geht, die EU-Richtlinien umsetzen, die sie für einen inakzeptablen Anschlag auf Bürgerrechte und Datenschutz halten, wird in Strassburg und Brüssel bereits der nächste Anschlag vorbereitet.

Netzpolitik.org informiert über die geplanten Änderungen im Telekom-Paket der EU.

Idealerweise gibt es das ganze noch nicht auf Deutsch, da kann man natürlich viel besser kungeln und auf Missverständnisse verweisen, die sich aus Übersetzungsinterpretationen ergeben.

Auch auf Heise.de ist mittlerweile ein Artikel dazu erschienen.

Ich bin jetzt schon gespannt, wie sich der Herr Tauss winden wird, sollte die Richtlinie verabschiedet und ein deutsches Umsetzungsgesetz erlassen werden.

Beim Staat sind unsere Daten sicher

theoretisch zumindest.

Wenn man allerdings Einwohner einer von insgesamt 15 Gemeinden in Brandenburg ist, dann könnte es sein, dass sich x-beliebige Menschen die eigenen Daten wie:

  • Reisepass- und Personalausweisnummern,
  • Fotos,
  • Geburtsdaten,
  • aktuelle und frühere Wohnorte
  • Finanzdaten
  • Religionszugehörigkeit

angeschaut haben, weil der Administrator vergessen hatte, das Standard-Passwort zu ändern.

Na ja, wer nichts zu verbergen hat … (oder wie geht nochmal der Standardsatz der Datensammlungsbefürworter?)

Zahlenspielereien

Nachtreten ist ja unfair und über den offenen Brief zum Tag des geistigen Eigentums, der von 200 Mitgliedern der Kreativwirtschaft unterschrieben wurde(getextet werden sie in nicht haben), wurde an anderer Stelle schon zu genüge berichtet (bin ich eigentlich der einzige, der unterschiedliche Schriftgrössen in einem Fliesstext nicht cool sondern einfach nur unleserlich findet?), aber ich will mich mal wieder an grosse Zahlen wagen.

70% des Internetverkehrs in Deutschland entfallen laut diesem Brief auf den Tauschbörsenverkehr.

Gemäß de-cix wird sich der Internet-Verkehr über ihren Knoten im Jahr 2008 auf ca. 200 Gigabit pro Sekunde belaufen. Multipliziert mit der Anzahl Sekunden pro Jahr (8640 * 60* 60) kommt man auf die gigantische Summe von annähernd 750 Petabyte pro Jahr.

[Mir ist bewusst, dass über de-cix auch Peering nach Osteuropa läuft, der weder von D noch nach D fliesst, aber in obigen Zahlen fehlt der komplette providerinterne Verkehr, der das bei dem in Deutschland herrschenden Oligopol mehr als wettmachen dürfte.]

Der Tauschbörsenverkehr macht also laut Kreativwirtschaft rund 500 Petabyte aus.

Das sind dann umgerechnet 100 Milliarden Lieder à 5 Megabyte, oder 155 Millionen Filme in DVD-Qualität.

In ihrem Text gehen die „Kreativen“ (bezieht sich das eigentlich auf kreative Auslegung der Wahrheit) von 300 Millionen illegal kopierten Musikstücken aus, was bei einer Dateigrösse von 5 Megabyte etwa 1,4 Petabyte ausmacht.

Wenn man nur die Musik betrachtet und die Zahl der Kreativen als gegeben hinnimmt (also die mit der Anzahl, nicht die mit dem Anteil), dann liegt der Anteil des Internetverkehrs bei de-cix, der durch Urheberrechtsverletzungen bewirkt wird, bei 0,19%.

[Natürlich ist der Wert 0,19% mit so vielen Unsicherheiten belegt, dass man eigentlich nicht mal 0,2% schreiben dürfte, aber irgendwo habe ich mal gelesen, dass krumme Zahlen unbewusst Präzision signalisieren.]

Qualitätsjournalismus und die FAZ

Irgendwie hat es ein Microsoft-Mitarbeiter geschafft, sich als FAZ-Redakteur zu tarnen und einen Bericht in die Online-Ausgabe zu schmuggeln.

Anders ist die fast völlige Abwesenheit von inhaltlich korrekten Sätzen nicht zu erklären.

Dabei geht es um eine Antwort auf die Frage, wie Daten aus Dokumenten, die vor 20 Jahren von einem Computer gespeichert worden sind, auch in 40 Jahren noch lesbar sein werden. Das Open-XML-Format zeigt privaten Computernutzern, Unternehmen, aber auch öffentlichen Institutionen wie Archiven einen Weg, Daten zukunftssicher zu machen

Wie das gelingen soll, wenn sich in der 8300 Seiten starken Spezifikation Stellen finden wie:

  • useWord97LineBreakRules
  • autoSpaceLikeWord95.
  • lineWrapLikeWord6
  • truncateFontHeightsLikeWP6
  • useWord2002TableStyleRules
  • uiCompat97To2003

ist vermutlich nicht nur dem Autor des Artikels unklar.

Munter wird Microsoft auch noch gleich zum Erfinder von XML gemacht:

Microsoft hatte das Format mit dem Dateikürzel „.xml“ mit dem Bürosoftware-Programmpaket Office 2007 eingeführt. Der Standard hat seither Verbreitung in der Softwareindustrie gefunden und wird von verschiedenen Technologieplattformen verwendet, einschließlich der Betriebssysteme Linux, Windows, Mac OS und Palm OS.

An diesem Satz stimmt gar nichts.

  1. Microsoft hat XML nicht eingeführt, XML ist eine Beschreibungssprache, die seit dem Jahr 1998 existiert.
  2. Die Dateikürzel für Office2007-Dokumente ist docx, xlsx …
  3. Es existiert bisher genau zwei (halbgare) Umsetzung des OOXML, Office 2007 für Windows und Office 2008 für Mac OS X. Es gibt Programme, die Export/Import-Filter bereitstellen, aber eine weite Verbreitung sieht anders aus.

Aber auch Werbung wird munter gemacht:

Die meisten Bürodokumente der Welt sind mit einem Programm gespeichert worden, das vom weltmarktführenden Softwarehersteller Microsoft stammt, sei es mit Word, Excel oder Powerpoint.

Gar nicht eingegangen wird auf die Ungereimtheiten rund um die Anerkennung, beispielsweise

  • das Fluten der Gremien mit Microsoft-Partnerfirmen,
  • die Tatsache, dass man bei der DIN-Abstimmung nur zwischen Ja und Enthaltung wählen konnte,
  • dass Norwegen trotz einer 80%-Ablehnung im Gremium für Ja entschieden hat,
  • dass in Polen nicht abgegebene Stimmen als Ja gewertet wurden, obwohl das den Abstimmenden nicht bekannt war,

Angesichts dieses Artikels sollte die FAZ vielleicht ihren Slogan überdenken, statt

„Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“

fiele mir spontan

„Dahinter steckt immer ein dicker Briefumschlag“

ein.

Die Kommentare zum Artikel sind lesenswerter als der Artikel selbst.