Mindestlohn-Debatte

Die Mindestlohn-Debatte wird vor der Bundestagswahl von beiden Seiten intensiv geführt. Leider vergisst man meines Erachtens einen wichtigen Punkt:

Das Problem ist meiner Ansicht nach nämlich nicht, dass die Auftraggeber zu wenig bezahlen, das Problem ist, dass zuwenig beim Arbeitnehmer ankommt.

  • Von den 18’041 EUR, die der Arbeitgeber eines Mindestlohnempfängers bezahlen muss (das sind 15’120 EUR Bruttogehalt und 2’921 EUR Sozialabgaben, oft als „Arbeitgeberanteil“ bezeichnet), kommen 11’297 EUR beim Arbeitnehmer an (Der zahlt nämlich 3’096 EUR Sozialversicherung und 727 EUR Steuern).
  • Wenn es sich um eine Branche aus dem Dienstleistungsbereich für Endkunden handelt, muss die Mehrwertsteuer auch vom Arbeitnehmer erwirtschaftet werden. Dann sind wir bei 21’500 EUR, die in Rechnung gestellt werden müssen.
  • Wenn man davon ausgeht, dass bspw. 10 Haushaltshilfen einen 11. Angestellten bedingen, der sich um Disposition, Buchhaltung etc. kümmert und der nicht dem Kunden direkt verrechenbar ist, ist man bei 23’700 EUR.
  • Rücklagen für schlechtere Zeiten sollte die Firma auch bilden können, ohne dass gleich alle ‘Kapitalistenschwein’ und ‚Ausbeuter‘ rufen (Das Risiko der Nichtvermittlung soll ja ein unternehmerisches sein und keins des Arbeitnehmers). Dann sind wir vielleicht bei 27’000 EUR.

Noch hat kein Chef Geld gerafft, noch wurden keine „shareholder“ befriedigt.

Die Jahresarbeitszeit (das ist die Zeit, in der der Arbeitnehmer vom Kunden bezahlt wird) liegt in Deutschland so bei ca. 1’760 Stunden. Eine Firma kann eine Dienstleistung, völlig egal, ob es sich dabei um Rasenmähen, Kinderbetreuung oder Küche putzen handelt für nicht weniger als 15,40 EUR ´die Stunde anbieten. Davon sieht dann der Mäher, Kinderhüter, Putzmann gerade noch 5,60 EUR auf dem Lohnzettel.

Wenn der Mindestlohn kommt, wird vermutlich ein weiterer Teil in die Schwarzarbeit wandern, weil man sich auf 10 EUR einigen wird und man die 200% Overhead „spart“. Die wenigsten glauben, dass dadurch die Oma weniger Rente, das nierenkranke Kind keine Operation oder der arbeitslose Mechaniker weniger ALG bekommt. Das ist so entpersonalisiert, da überwiegt die Freude 4,60 EUR pro Stunde mehr zu haben, bzw. 5 EUR die Stunde weniger zahlen zu müssen. Nicht dass ich das gutheisse, aber man sieht ja jetzt schon, wieviel Handwerkerleistungen auf privaten Baustellen am Wochenende und Abends erbracht werden.

Und wenn jetzt einer mit „ja, aber bei Minijobs ist das doch alles anders“ kommt:
Erstens ist es das nicht sehr und zweitens streben die Verfechter eines Mindestlohns wohl an, dass Menschen in sozialversicherungsplichtigen Arbeitsverhältnissen stehen. Oder soll man dank Mindestlohn jetzt 3 Minijobs annehmen müssen?

Zum Abschluß eine kleine Grafik:

mindestlohn

Für Tagesmutter/vater müssen Sie den ganzen Kuchen bezahlen. Die Person, die ihre Kinder betreut bekommt davon das hellblaue Stück links.

Darüber wird in der öffentlichen Diskussion viel zuwenig diskutiert. Dem Mindestlohnempfänger wäre vermutlich mehr gedient, wenn man ihm statt 39,8% 65% liesse.

Selbst wenn die SPD den Mindeststeuersatz so weit senken würde, dass ein Mindestlohnempfänger keine Einkommensteuer mehr zahlen müsste (was selbst der SPD zu weit ginge, es geht aktuell um 2% Absenkung im Einstiegsbereich), würde die Nettoquote nur auf 40,9% steigen.

[Wer sich jetzt wundert, dass man beim Stundenlohn nur auf 36.4% kommt, sei darauf hingewiesen, dass der Arbeitnehmer während Urlaub, Feier- und Krankheitstagen in aller Regel sein Gehalt weiterbekommt, was sich natürlich auf das Jahresnetto auswirkt. Warum ich trotzdem den Stundenlohn verwende liegt darin begründet, dass es das ist, was der Arbeitnehmer auf seiner Lohnabrechnung sieht.]

Bundestagswahlen in Baden-Württemberg: wen wählen?

In knapp 3 1/2 Wochen ist es soweit, ein neuer Bundestag will gewählt werden.

Durch die Nichtanpassung des Bundeswahlrechts und der besonderen Situation in Baden-Württemberg (es wird kolportiert, auch ein Besenstiel gewönne ein Direktmandat, wenn man ihn vorher nur schwarz anstreichen würde), sind Überhangmandate für die CDU sehr wahrscheinlich.

Wie es dazu kommt erklärt www.wahlrecht.de sehr gut, deshalb hier nur in Kürze (und unter bewusster Vereinfachung von Ober- und Unterverteilung):

Baden-Württemberg hat 38 Wahlkreise, von denen die CDU durchschnittlich so 34 gewinnt. Das sind die Abgeordneten, die Baden-Württemberg auf jeden Fall in den Bundestag entsenden darf. Das wählt man mit der Erststimme. Welcher Kandidat aus meinem Wahlkreis soll mich in Berlin vertreten.

Dann gibt es noch die Zweitstimme. Wenn man voraussetzt, dass die Wahlbeteiligung in Baden-Württemberg durchschnittlich ist, dürfen insgesamt 76 baden-württembergische Abgeordnete nach Berlin fahren. Die Verteilung, welche Partei wieviele Abgeordnete schicken darf, entscheidet sich über die Zweitstimme. Grob vereinfachend errechnet sich die Zahl aus dem Ergebnis der Zweitstimme multipliziert mit der Gesamtzahl der zu stellenden Abgeordneten.

Die CDU hat im Jahr 2005 ein Zweitstimmenergebnis von 39,2% eingefahren. Wenn man nur die Parteien zählt, die auch Abgeordnete in den Bundestag schicken dürfen, lag das Ergebnis bei 41,0%.

Das ergibt dann, dass sie 0,41 * 76 = 31 Abgeordnete nach Berlin schicken darf. Dummerweise hat sie aber schon 34 Wahlkreisgewinner, die die Koffer gepackt habend in ihrer Wohnung „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ skandieren. Die will und kann man nicht enttäuschen, deswegen dürfen alle fahren. Das nennt man dann Überhangmandat.

Genug der grauen Theorie, was soll ich jetzt wählen?

Keine Ahnung, das liegt vorrangig daran, welcher politischen Grundströmung Sie angehören 🙂

CDU, FDP

Die baden-württembergische CDU darf vermutlich sowieso 34 Abgeordnete in den Bundestag schicken, also ist es eigentlich unnötig, ihr auch noch die Zweitstimme zu geben (was dann zur paradoxen Situation führen könnte, dass sie bei sonst gleichen Wahlresultaten bspw. in Hessen ein Mandat verliert).

Erststimme CDU, Zweitstimme FDP

SPD, Grüne

Grundsätzlich geht es darum, so viele Wahlkreise direkt zu gewinnen wie möglich (ja, ich weiss, darum geht es immer).

Aber hier ist es ein wenig komplizierter. Mit Kerstin Andreae in Freiburg und Cem Özdemir in Stuttgart I stellen die Grünen 2 Kandidaten auf, die der SPD viele Stimmen abnehmen können, so dass es für Gernot Erler in Freiburg nicht mehr reicht (er hat als einer von 4 SPD-MdB seinen Wahlkreis direkt gewonnen) und dass es Ute Vogt nicht gelingt, ihren Wahlkreis direkt zu gewinnen (bei der letzten Wahl hatte der CDU-Kandidat bei den Erststimmen gerade mal 0,6% Vorsprung vor dem SPD-Kandidaten). Der lachende Dritte könnte in diesen Wahlkreisen die CDU sein.

Bei Erststimmen wird nicht koaliert. Wer die meisten Stimmen hat, gewinnt. Das kann bedeuten, dass Daniel Sander in Freiburg mit 34% gewinnt, weil sich die 55% Stimmen des rot-grünen Lagers relativ gleichmässig auf Frau Andreae und Herrn Erler verteilen. Für Stuttgart I gilt es entsprechend. Die Grünen sind, anders als 2005 nicht mehr Koalitionspartner der SPD, sie haben in einigen Regionen zur SPD aufgeschlossen oder sie gar überholt. Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass ein Grünen-Wähler fast automatisch seine Erststimme an einen SPD-Kandidaten vergibt.

Erststimme ?, Zweitstimme der bevorzugten Partei, weil da ganz sicher keine Überhangmandate zustande kommen werden.

Wenn ich raten müsste, würde ich (nachdem ich mir die Freiburger Zahlen angeschaut habe) tippen, dass es Kerstin Andreae in Freiburg schafft (nach Christian Ströbele dann der zweite Direktsitz) und dass sich in Stuttgart I Stefan Kaufmann von der CDU knapp vor Ute Vogt und Cem Özdemir behaupten wird.

Alle anderen Parteien

Erststimme SPD (in Freiburg und Stuttgart I auch Grüne), Zweitstimme der jeweils gewünschten Partei. Da die Direktkandidaten der SPD (in den knappen Wahlkreisen) sowieso alle relativ sicher über die Landesliste in den Bundestag einziehen werden, ändert man die Zusammensetzung der SPD-Fraktion nicht, die SPD erhält durch die Wahl von Direktkandidaten auch keinen einzigen Sitz mehr, man kann allerdings mithelfen, dass die CDU nicht so viele Überhangmandate erhält.

Now for something completely different

nach all der schweren politischen Kost der letzten Tage wäre jetzt mal wieder Zeit für etwas kurzweiliges.

Zum Beispiel mein kantonales Steueramt. Nach 19 Monaten, in denen sie mich immer wieder mit Belegnachforderungen, Nachweisen und sonstigen Fragen genervt haben, wurde mir jetzt mitgeteilt, dass alles vergeblich war. Kein einziger Nachweis wurde anerkannt, nichts hatte Auswirkungen auf meine Steuerlast (das hätte ihnen auch schon letzten Februar auffallen können, so weit ich das sehe, war alles danach für die Entscheidungsfindung eigentlich unnötig).

Allerdings ist ihnen aufgefallen, dass mit der Quellensteuerberechnung irgendwas nicht gestimmt hat und ich deswegen für 3’200 CHF Pensionskassenzahlungen noch Steuern nachzuentrichten habe.

Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, dass sich die Steuerbehörden der Schweiz so sehr von den deutschen Steuerbehörden unterscheiden? Die werden doch vermutlich in irgendeinem unterirdischen Labyrinth gezüchtet und dann weltweit an einzelne Länder verkauft.

np: Scala & Kolacny Brothers – hungriges Herz

Artikel 70 III Thüringer Landesverfassung

Nur für all diejenigen, die sich gefragt haben, wer denn Ministerpräsident in Thüringen werden könnte, wenn die SPD weder mit der CDU (wegen Althaus) noch mit der Linken (weil man bei denen nicht Juniorpartner sein will) koaliert.

Artikel 70 III Thüringer Landesverfassung

Der Ministerpräsident wird vom Landtag mit der Mehrheit seiner Mitglieder ohne Aussprache in geheimer Abstimmung gewählt. Erhält im ersten Wahlgang niemand diese Mehrheit, so findet ein neuer Wahlgang statt. Kommt die Wahl auch im zweiten Wahlgang nicht zustande, so ist gewählt, wer in einem weiteren Wahlgang die meisten Stimmen erhält.

Und jetzt noch schnell die Sitzverteilung nach der vorgestrigen Wahl:

CDU        30
Die Linke  27
SPD        18
FDP         7
Grüne       6

Wenn man davon ausgeht, dass Herr Althaus wohl nicht alle Stimmen von CDU und FDP erhält, wenn er sich ohne Koalitionspartner zur Wahl stellt, reichen Herrn Ramelow für das Amt des Ministerpräsidenten ein Drittel der Stimmen von SPD und Grünen, um Ministerpräsident zu werden.

Wer jetzt einwendet, dass die CDU in der Not wohl geschlossen hinter Dieter Althaus stehen wird sollte erstens einen Blick nach Schleswig-Holstein und Hessen werfen (auch wenn’s da eher Abgeordnete der politischen Konkurrenz waren) und sich zweitens überlegen, ob denn wirklich alle CDU-Abgeordneten im thüringischen Landtag ein Interesse daran haben, dass Althaus weitermacht (was, wenn man diversen Berichten glauben darf durchaus zweifelhaft ist).

[Gewagte Theorie]

Zuerst wird Althaus abgeschossen, indem er nicht alle CDU-Stimmen bekommt und dadurch Ramelow zum Ministerpräsidenten gewählt wird. Althaus tritt zurück, Schwarz und Rot haben sich wieder lieb und wählen über einen konstruktives Misstrauensvotum (gemäß Artikel 73 der thüringischen Verfassung) Frau Lieberknecht zur neuen Ministerpräsidentin.

[/gewagte Theorie]

Was für Statistik-Liebhaber

Der Bundeswahlleiter (der es immerhin geschafft hat, dass sein Name nun einem breiten Publikum bekannt ist) hat auf seiner Seite diverse Statistiken zu den Kandidaten für die Bundestagswahl 2009 veröffentlicht.

Man erfährt dort zum Beispiel, dass von den 2’077 Kandidaten, die die derzeit im Bundestag vertretenen Parteien ins Rennen schicken, 561 jünger als 40 Jahre sind und der Schnitt bei 47 Jahren liegt. Die Kandidaten werden im Vergleich zu 2005 älter (wer jetzt „ja, 4 Jahre“ kommentiert bekommt ein Eis), die Zahl der Ü60-Bewerber steigt von 13,1% auf 17,6%.

Wenn ich die Zahlen richtig interpretiert habe, bewerben sich 537 MdB um eine weitere Amtszeit. Meine Kristallkugel sagt mir, dass das auch 479 Abgeordneten gelingt.